Filmgeschichte : Aufgewühlt bleiben

Ulrich Gregor erinnert sich an Cannes 1960: Zur Eröffnung der Antonioni-Retro im Arsenal.

Jan Schulz-Ojala

Vor fast 50 Jahren in Cannes, da haben sie „L’avventura“ ausgebuht. An ein Pfeifkonzert schon beim Vorspann, an Tumulte gar kann sich Ulrich Gregor erinnern, der damals, 1960, als Endzwanziger dabei war – und der Protest hat ihn so abgestoßen, dass er nachher dem Regisseur Michelangelo Antonioni sein Unverständnis über die „unglaubliche Reaktion“ bekundete. Und mit zart-heiterer Verwunderung fügt er an, bei späteren Gelegenheiten seien seine Frau und er von Antonioni immer „wie alte Freunde“ begrüßt worden.

Ulrich Gregor, Begründer des ArsenalKinos und des Berlinale-Forums und, nun langsam nahe bei den Achtzig, selber eine nahezu legendäre Figur der kundigen Liebe zum Film, erzählt die Begebenheit mit seiner schön restnervösen, auch im Alter zügig perlenden Stimme, die Zuhörerschaften jedweder Größenordnung in ihren Bann zieht – als plauderte da, stets hoch konzentriert, ein alter Freund mit einem im Café. Gerade eröffnet er, als Gastmoderator in ebenjenem Arsenal, das nun auch schon seit Jahren seine Tochter Milena zusammen mit zwei Mitstreiterinnen führt, eine umfassende, bis in den Januar dauernde und vom Italienischen Kulturinstitut mitveranstaltete Antonioni-Retrospektive – und nach ein paar biografisch einordnenden Anmerkungen zum Regisseur ist er mittendrin in der damaligen deutschen AntonioniRezeption.

Einen zerlesenen Reprint der ihrerseits legendären Zeitschrift „Filmkritik“ hat Gregor mitgebracht und liest ein paar Absätze daraus vor. Etwas von dem noch immer berühmten Theodor Kotulla, etwas von dem „Filmkritik“-Mitbegründer Wilfried Berghahn, „heute fast vergessen, aber er hat wunderbare Texte geschrieben“, und ein paar Zeilen aus eigener Feder, in denen Gregor den großen Italiener als scharfen und kühlen Analytiker der Seele rühmt. Von Antonionis damals so ungeheuer modernem Kino der Entfremdung spricht er und wie es den Neorealismus beendet hat, weil es plötzlich um das Innenleben der Protagonisten ging und nicht vorrangig um die soziale Wirklichkeit. Und an die eigene Aufgewühltheit damals durch Antonionis Weltwahrnehmung erinnert er sich und benennt dann, beiläufig wie immer, eine Erwartung, die alle Besucher von Retrospektiven vereint: die Lust – und wohl immer auch die Bangigkeit – der Wiederbegegnung mit einem Kunstwerk, das den eigenen Horizont irreversibel geweitet hat. „Ich möchte nachprüfen, ob das heute noch so funktioniert.“

Und dann der Film. Eine 143-MinutenReise. Die nervösen, reichen Römer. Der italienische Spätsommer. Die unbewohnte liparische Insel. Die fragile Liebe Annas zu Sandro und die noch fragilere Sandros zu Anna und Annas plötzliches Verschwinden, das ein Rätsel bleibt. Die so lange wie langsame Suche nach ihr, aus der eine neue, eigentlich sich verbietende Nähe hervorgeht. Sandro und Claudia, der Monica Vitti umwerfend unruhige Sinnlichkeit verleiht. Das Oszillieren zwischen Schuld und Schmerz und Lust und Verlust und Begehren – und das offenste Ende der Welt.

Aber ja, es funktioniert, und wie. Und wenn es denn heute bei diesem oder jener nicht mehr funktionieren sollte – liegt das, frei nach Georg Christoph Lichtenberg, allemal am Film?

Arsenal im Filmhaus am Potsdamer Platz, Retro mit 29 Werken Antonionis, bis 6. Januar. Nächste Vorstellungen: L’éclisse (6. 12.), Cronaca di un amore (7. 12.), I vinti (8. 12.), La signora senza camelie (9. 12.)

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