Filmklassiker aus Nigeria im Kino Arsenal : Auf der Spur des schwarzen Atlantiks

Das Kino Arsenal zeigt vom 13. bis 19. Januar eine Werkschau des fast vergessenen nigerianischen Regisseurs Ola Balogun, einem Pionier des Subsahara-Kinos der 70er Jahre.

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Indigene Traditionen. Hirtenmädchen in der Doku „The Magic of Nigeria“.
Indigene Traditionen. Hirtenmädchen in der Doku „The Magic of Nigeria“.Foto: Arsenal

Die Schlangenbeschwörung ist ein alter Schaustellertrick, der sich in den touristischen Zentren Nordafrikas ungebrochener Popularität erfreut. Wenn umgekehrt jedoch eine Schlange erwachsene Männer zum Tanzen bringt, hat höchstwahrscheinlich das Kino die Finger im Spiel. In Ola Baloguns „Ajani Ogun“, einem Schlüsselfilm des frühen nigerianischen Kinos, verlaufen die Übergänge zwischen Spiel und Tanz fließend.

Die Eröffnungsszene kommt schnell zum Punkt. Beim Streifen durch den Dschungel wird Ajani Ogun von den Hilferufen einer jungen Wäscherin angelockt. Eine Schlange hat sich dem Mädchen aus dem Dorf genähert, ansatzlos schlägt der Jäger dem Tier den Kopf ab. Die lapidare Szene dient jedoch nur als Vorspiel. Auf dem Heimweg führen Ajani Ogun und das Mädchen mitten im Urwald eine – zunächst etwas zurückhaltende – Gesangs- und Tanznummer auf. Er spielt dabei auf einer Art „Schlangenflöte“ die Melodie, während sie kokett ein Büschel Palmenblätter umgarnt. Im Kino Nigerias galt „Ajani Ogun“ in den siebziger Jahren als Sensation. Nicht nur, dass die Filmkunst und das Theater bis dahin in verschiedenen kulturellen Sphären existierten. Er war auch als erster nigerianischer Film komplett in Yoruba gedreht.

„Ajani Ogun“ eröffnet eine kleine Werkschau im Arsenal Kino mit Filmen von Ola Balogun. Kuratiert wird die Reihe vom Filmkollektiv Frankfurt, das an den Rändern des Weltkinos gegen das materielle Verschwinden der Filmgeschichte ankämpft. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass die wenigen noch existierenden Kopien von Balogun-Filmen heute in der Cinémathèque française eingelagert sind. Mehr als die Hälfte ist jedoch unwiederbringlich verloren – ein Schicksal, das der Pionier des Subsahara-Kinos mit vielen afrikanischen Filmemachern teilt.

Die Arsenal-Reihe ist also eine gute Gelegenheit, mit Ola Balogun einen der interessantesten – und weitgehend vergessenen – Filmemacher des Weltkinos zu entdecken. Baloguns Werdegang war zunächst durchaus typisch für einen afrikanischen Regisseur in den siebziger Jahren. Er studierte zunächst in Paris, wo er sein von der Nouvelle Vague inspiriertes Debüt „Alpha“ über eine Gruppe junger Afrikaner im Exil drehte.

Nach seiner Rückkehr wurden Baloguns Filme deutlicher afrozentrischer. Mit „Ajani Ogun“, 1976 in Nigeria ein Riesenerfolg, begann er sich für afrikanische Traditionen und Praktiken zu interessieren. Prägend war für seine Arbeit die Begegnung mit Hubert Ogunde, dem Gründer des Yoruba Wandertheaters. Zusammen drehten sie eine Reihe von Filmen und erfanden eine genuin nigerianische Filmform, die Folklore, Mystik, darstellende Kunst, Politsatire und Improvtheater verband. Der Titelheld in „Ajani Ogun“ kämpft und singt gegen einen korrupten Beamtenapparat, der ihn um seinen letzten Besitz gebracht hat. Und natürlich für das Herz eines Mädchens.

Eine Wiederentdeckung ist längst fällig

Mit „Black Goddess“ (1978) wandte sich Balogun stärker anti-kolonialistischen Themen zu. Im Film begibt sich ein junger Nigerianer auf Wunsch seines todkranken Vaters nach Brasilien, um den durch die Sklavenrouten zwischen Afrika und Brasilien verwischten Spuren seiner Familie nachzuspüren. Solche Verbindungen im Kontinuum des sogenannten black atlantic untersuchte Balogun, der heute noch als Musiker aktiv ist, auch mit einer Reihe von Dokumentar- und Kurzfilmen, die ebenfalls im Arsenal zu sehen sind. „The Magic of Nigeria“ etwa dokumentiert indigene Kulturtechniken und Zeremonien in der Tradition des französischen Filmethnografen Jean Rouch. Mit dem Unterschied, dass Balogun die Traditionen nicht als Außenseiter betrachtet.

Heute besitzt Nigeria einer der produktivsten Filmindustrien der Welt, die Ola Balogun allerdings fast vergessen hat. Obwohl der sogar als Unternehmer ein Pionier war. Bereits in den Siebzigern gründete er seine eigene Produktionsfirma. Die Wiederentdeckung Ola Baloguns ist längst überfällig.

Ola Balogun-Retrospektive, ab 13. bis 19. Januar im Kino Arsenal, Filmhaus

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