Kultur : Filmkomödie und Holocaust: Lachen über Hitler

Harald Weilnböck

Mit gewitztem Slapstick spielt sich Roberto Benigni in seinem Film "Das Leben ist schön" durch das faschistische Vorkriegsitalien - ein Piccaro jüdischen Gepräges, dessen Märchenzauber und Komik es auch im KZ die Sprache nicht verschlägt. Darf man das? So fragte eine Konferenz zur Holocaust-Komödie: "Lachen über Hitler", ausgerichtet von der Evangelischen Akademie Arnoldshain, dem Fritz-Bauer-Institut und der Uni Frankfurt. Hatte doch Benignis Gebrauch des Komischen die Schicklichkeitsgesetze bei der Darstellung der Shoah verletzt. Kathy Laster (Melbourne) rekonstruiert den Kodex: Das ernsteste aller denkbaren Themen dürfe nur als tragischer Stoff behandelt werden. Mehr noch: Es herrsche Unsagbarkeit, transhistorische Einzigartigkeit, ja heilige Unerklärlichkeit. Jede dokumentarische sowie fiktionale Inszenierung der Shoah sei zu unterlassen, so der schlagkräftige Filmemacher Claude Lanzmann. Eine kleinere Steven-Spielberg-Fraktion schwört dagegen auf Realismus und die Melodramatik von "Schindlers Liste".

Weder bei den einen noch bei den anderen würde jemals Gelächter aufkommen. Das transzendentale Subjekt der hohen Kunst lacht nicht - Benignis Zuschauer schon. Wer den Film darum eine "Verharmlosung des Holocaust" schilt, vergisst, dass es unterschiedliche Funktionen des Lachens gibt. Benignis Guido errege ein zutiefst gewaltfreies Lachen, das niemanden verhöhne, so Yosefa Loshitzky aus Jerusalem. Hingegen karikieren die frühen amerikanischen Anti-Nazi-Filme wie Fritz Langs "Hangman also die" (1942) die Gewalttäter als schräg-tuntige Psychopathen. Das hämische Lachen blieb der Logik der Gewalt verhaftet; galt es doch auch, den Kriegseintritt der USA zu befördern. Wenn Guido aus den zynischen Anweisungen des Wachmanns die Regeln eines Kinderspiels ableitet, erschließt sich im Lächeln über dessen Chuzpe auch die Einsicht darüber, wie eng Menschlichkeit an Witz und Spiel geknüpft ist.

Ernst allein wird dem medialen Habitus der Enkelgeneration nicht gerecht, so Referentin Silke Wenk. Das komische Genre vermag es, die Retraumatisierung des Zuschauers durch die Betroffenheitsdidaktik der 70er Jahre zu vermeiden. Auch ermöglicht die Komödie, aus der Perspektive der Opfer zu erzählen, ohne dass diese durch das schier grenzenlose Leid dehumanisiert würden. Zudem integriert sie bisher ausgesparte Aspekte. Mel Brooks Remake von Lubitschs "Sein oder Nichtsein" (1983) erzählt von Homosexuellen, Radu Mihaileanus "Zug des Lebens" von den Zigeunern - wobei die Idee der Selbstdeportation auch das Tabuthema der Judenräte ironisiert.

Einig war man sich darüber, dass Adornos Frage heute lauten müsste, wie und nicht ob nach Auschwitz humoristisch erzählt werden dürfe. So macht das zwanglos-interkulturelle Lachen der Freundinnen in "Aimeé & Jaguar" Juden und Deutsche allzu leichtfertig zu Mitgliedern derselben Schicksalsgemeinschaft. Auch Vilsmaiers "Comedian Harmonists" zeigt ein deutsch-jüdisches Sängerensemble in mal rauschhafter, mal melodramatischer Harmonie. Der Medienwissenschaftler Lutz Koepnick legte in Arnoldshain dar, inwiefern solches Privat-Glück die Einlösung von Martin Walsers Aufforderung zur rein persönlich-ästhetischen Vergangenheitsbearbeitung darstellt. Die Versöhnlichkeit negiert die traumatische Erfahrung der europäischen Juden, verleiht der vorlaut proklamierten Berliner Republik die - der neuen Lachkultur entsprechende - Schuldentlastung und hievt die deutsche Filmindustrie in das internationale Verleihnetz für den reich kostümierten und panorama-bebilderten Heritage-Film. Solches Lachen befördert das Vergessen. Wie ungesund es ist, kann nur psychotraumatologisch begründet werden.

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