Filmkritik : Perlen auf der Palme

Wenn Kinderfrauen zu sehr keifen zeigt der chilenische Film „La Nana“ von Sebastian Silva.

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Spätes Dienstmädchen. Catalina Saavedra als stets mürrische Raquel.
Spätes Dienstmädchen. Catalina Saavedra als stets mürrische Raquel.Foto: arsenalfilm

Die Beschäftigung privater Hausangestellter ist in vielen Ländern Lateinamerikas auch im Mittelstand so verbreitet wie in Deutschland Carport und Gästeklo. Deshalb gehört die muchacha, tata, nanny oder eben nana auch zum Standardinventar von Kinofilmen und Seifenopern – neuerdings auch an herausragender Stelle. Sebastian Silvas 2009 in Chile uraufgeführter und vielfach preisgekrönter „La Nana“ bringt gleich vier höchst unterschiedliche Perlen gegeneinander auf die Palme.

Eigentlich geht es um Raquel. Mehr als 20 Jahre ist sie schon bei der Akademiker-Familie – fünf Kinder, Villa mit Pool in einem besseren Viertel von Santiago – und gehört damit fast zur Familie. Ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit hat das nicht gutgetan. Denn fehlende Privatsphäre und lebenslange Abhängigkeit haben sie in eine mürrische Person verwandelt, die ihre Feinde mit versteckten Gemeinheiten tyrannisiert. Besonders mit der Teenie-Tochter Camila liegt sie im Dauerclinch.

Als Raquel eines Tages überarbeitet im Treppenhaus zusammenbricht, stellt Hausherrin Pilar eine jüngere Kraft an ihrer Seite ein. Doch angesichts von Raquels eifersüchtigen Attacken kann sie sich nicht lange halten. Auch Nachfolgerin Sonia – eine veritable Matrone – muss bald wieder gehen. Doch wie im Feenwesen gibt es auch hier eine dritte Chance: Die junge Lucy ist empathisch und souverän und interessiert sich ernsthaft für ihre böse und traurige Kollegin. Als Raquel sie eines Tages – wie ihre Vorgängerinnen – in den Garten aussperrt, legt Lucy sich, statt herumzujammern, zum Sonnenbaden nackt vors Haus.

Regisseur Sebastian Silva ist selbst mit Dienstmädchen aufgewachsen und betreibt mit „La Nana“ Vergangenheitsbewältigung in eigener Sache. Doch nicht nur in die Episoden floss viel eigene Erfahrung ein, der Film wurde sogar in seinem Elternhaus gedreht. Den Zuschauern gibt das einige tendenziell voyeuristische Einsichten in Silvas großbürgerliche Herkunft, ihm selbst brachte es neben einem preiswerten Setting die Möglichkeit penibler Vorplanung beim Dreh. Angesichts der engen Räume des echten Wohnhauses war sie auch nötig – eine Herausforderung, die Kameramann Sergio Armstrong mit kontrollierter Bewegung und vielen Ein- und Durchblicken löst.

„La Nana“ lebt von der reizvollen Reibung zwischen fast naturalistischen Elementen und dem in schlichtem Dreischritt fast märchenhaft aufgebauten Plot. Catalina Saavedra gibt ihre Raquel trotz aller Lebensnähe oft fast grotesk ins Burschikose überzeichnet. Der Rest des Casts (darunter Silvas eigener Bruder als Filmbruder Lucas) agiert mit sichtlicher Spielfreude. Doch für ein Märchenende mit Prinz und Goldschätzen ist „La Nana“ zu realistisch. Immerhin sieht die Welt am Ende weniger trist aus als zu Beginn – wenn auch nur ein kleines bisschen.

Filmkunst 66, Kulturbrauerei und Off;

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