Filmkritik : Schlag auf Schlag

Ein Gefängnisfilm, wie man ihn noch nicht gesehen hat: Jacques Audiards „Ein Prophet“ ist ein finsteres, grandioses Exerzitium.

von
326988_0_148e8636.jpg
Hofgang. Malik (Tahar Rahim) und der Mafioso César (Niels Arestrup). -Foto: Sony

Es gibt eine Situation in diesem Film, eine einzige, die wirklich zum Lachen ist, einen Sekundenbruchteil lang. Der junge Malik (Tahar Rahim) steckt für seinen zweiten Freigang, bei dem er einen Mafiaboss töten soll, schief und krumm in weißem Hemd, Schlips und Anzughose – und bevor er auf der ersten Flugreise seines Lebens gierig nach den gereichten Häppchen greift, hat er seinen Auftritt beim Sicherheitscheck. Den findet er normal, so was kennt er vom Einchecken im Knast. Arme auseinander, als sei da jemand ans Kreuz genagelt, ordentlich gerade stehen, Anweisungen befolgen. Und dann raus mit der Zunge, wie sich das gehört, einen Sekundenbruchteil lang.

Ansonsten tut der Zuschauer dieses Films, der 2009 in Cannes den Großen Preis der Jury gewann und soeben seinen Auslands-Oscar so knapp verfehlt hat wie Michael Hanekes „Das weiße Band“, gut daran, sich auf ein Exerzitium einzustellen. Ein finsteres, grandioses Exerzitium, 155 Minuten lang. Jacques Audiard erzählt in „Ein Prophet“ davon, wie der 19-jährige arabischstämmige Analphabet und Heimzögling Malik nach einer gewalttätigen Konfrontation mit der Polizei für sechs Jahre in die „Centrale“ von Brécourt einfährt, einen verlotterten Gefängnisbau in Nordfrankreich. Wie er dort von dem korsischen Mafioso César Luciani (Niels Arestrup), dem eigentlichen Herrscher der Anstalt, zu einem Mord getrieben und fast gebrochen wird und sich doch langsam formt in dieser düstersten Schule des Lebens. Und wie er wieder herauskommt aus all dem eines Tages und womöglich wohin.

Ein Knastfilm also, aber einer in der unendlichen Kette dieses Genres, wie man ihn noch nie gesehen hat. Der Wechsel am Anfang vom Draußen zum Drinnen: geschäftsmäßig und kurz. Kein Einschluss, Umschluss, Schlüsselgerassel, keine langen Wege an Zellentüren entlang, keine komplizenhaft oder tränenselig hingebrachten Besuchszeiten. Keine mit Zellenkumpanen geschmiedeten Ausbruchspläne, keine spektakuläre Flucht. Wozu auch: Das Draußen, das „Ein Prophet“ erst spät ins Visier nimmt, funktioniert wie das Drinnen. Hierarchisch und brutal. Und die Kamera (Stéphane Fontaine) hat dafür ihre eigene, kongeniale Sprache: Totalen sind nur dazu da, kurz die Übersicht zu gewinnen, bevor die Welt wieder halbnah an einen herankommt. Körpernah. Schlagnah.

So animalisch muss Malik sich seiner Haut erwehren und zurechtfinden, von Anfang an. Als er von César den Befehl bekommt, den Mithäftling Reyeb (Hichem Yacoubi) zu töten, bevor der als Belastungszeuge auftreten kann, verletzt er sich an dem Mordinstrument, das er bei der Begegnung mit Reyeb im Mund hat. Er beißt auf das Rasiermesser, Blut läuft ihm aus dem Mund. Dann schlachtet er Reyeb ab – vorschriftsgemäß und panisch zugleich. Und sichert sich damit sein eigenes Überleben.

Auf diese Lektion folgen viele Lektionen, und sie machen, unter dem Schutz des Knast-Paten César, der Wärter nach Belieben besticht und bedroht und ein vergleichsweise fürstliches Leben führt, sogar eine Art Aufstieg möglich. Malik wird zum Kaffeekocher und Zellenputzer Césars, und als ein Dutzend korsische Gefangene in die Heimat verlegt werden, wird er für seinen Herrn noch wichtiger. Für die nun zahlenmäßig im Block überlegenen Araber ist Malik, der inzwischen Lesen und den Italo-Mafia-Slang gelernt hat, der Korse. Also: ein Verräter. Für César bleibt er der nicht verlässliche Araber. Und bald beginnt Malik ein gefährliches Spiel zwischen den Fronten, das man in der Welt da draußen Politik oder Diplomatie nennen würde.

Ein Aufstieg unter Qualen. Immer wieder wird dieser Prozess auch unmittelbar aus Maliks Blickwinkel gezeigt: Wenn César ihm mit einem simplen Teelöffel ein Auge auszudrücken droht, dann taumelt die Kamera nachher gefühlte Minuten lang mit halb geschlossener Blende durch die nahezu entfärbte Welt. Oder die Tonspur spielt Trommelfell: Nach einer grässlich eskalierenden Schießerei in Marseille – Césars Boss soll erledigt werden – regelt sie sich ins Wattig-Dumpfe ab und braucht Zeit, bis Malik die ersten matten akustischen Reize registriert. Und wieder hat er überlebt, wieder was gelernt fürs Leben.

Man sollte „ein bisschen weniger blöd rauskommen, als man reingeht“, hatte Reyeb ihm als Knastwahrheit mitgegeben, bevor er durch den Rasiermesserschnitt verblutete, und das ist Maliks wichtigste Lektion. Der tote Reyeb – auch das ein narratives und ästhetisches Abenteuer dieses rasanten Zweieinhalbstundenfilms – erscheint Malik später immer wieder, im Traum, in der Fantasie, als Ratgeber und Freund, die klaffende Wunde am Hals. Vielleicht ist Reyeb, der mit stets sanfter Stimme die Qual seines schuldlosen Mörders lindert, der titelgebende Prophet: Er bringt den jungen, agilen, zielstrebig verhandelnden Gangster neuen Typs auf den Weg.

Césars Sturz, der lang erwartete, geschieht dann nahezu ohne Gewalt. Malik tritt hinaus in den Hof und sieht einem Zusammentreffen zu. Nicht mal die Zunge rauszustrecken, so oder so, ist nötig; es genügt ein Anwesendsein an der richtigen Stelle.

Ab Donnerstag im Broadway, Central, Cinemaxx, FT Friedrichshain und Moviemento; OmU Cinema Paris und Rollberg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben