Kultur : Filmland Brasilien: Von Kampfhähnen und Kautschukbaronen

In den Kinos Eiszeit[Filmbühne am Steinplatz]

Er war ein Zeitgenosse von Robert Flaherty, doch während dieser das Leben der Eskimos in Nordkanada filmte, trieb es den gebürtigen Portugiesen Silvino Simoes dos Santos ins Amazonasgebiet. Als die Familie um 1900 nach Brasilien auswanderte, ging sein Kindertraum in Erfüllung: Er wurde "Der Filmemacher des Amazonas". Finanziert von den Kautschukbaronen, die ihren Reichtum auf Kosten indianischer Sklaven anhäuften und gleichwohl um ihren guten Ruf im Ausland fürchteten, dokumentierte dos Santos als erster das Leben der Eingeborenen am Amazonas, dabei stets auf dem schmalen Grat zwischen den Interessen seiner Auftraggeber und seinem eigenen Blick auf das ursprüngliche, von der Zivilisation bedrohte archaische Leben balancierend.

In "Der Filmemacher des Amazonas" hat Aurélio Michiles das nur noch spärlich vorhandene Originalmaterial mit einer nachinszenierten biographischen Erzählung montiert. Obwohl er die Historisierung mitunter übertreibt, arbeitet seine Dokumentation nicht nur ein vergessenes Kapitel Filmgeschichte auf, sondern vermittelt auch einen Eindruck von den zwanziger Jahren in Brasilien, als in den Städten die europäische Moderne Einzug hielt und auf unberührte Lebensformen Einfluss zu nehmen begann.

Dass seit Jahrhunderten Europäer ihre Kultur ins Land brachten, während sie es ausbeuteteten, zeigt Carla Camuratis Spektakel "Carlota Joaquina, Prinzessin von Brasilien". Die farbenprächtige Ausstattungsorgie erzählt von einer spanischen Infantin, die im 18. Jahrhundert mit ihrem verfressenen Mann, dem portugiesischen Thronfolger, in die Kronkolonie Brasilien ins Exil ging. Carla Camurati interpretiert die historischen Fakten, indem sie sie ins Groteske verzerrt. Damit bricht sie Geschichtsbilder durch die heutige kritisch-reflexive Perspektive, die in der Person eines Geschichtenerzählers inkarniert ist. Seine zehnjährige Zuhörerin ist angewidert und fasziniert zugleich von dem schillernden Sittenbild.

Schwenk in die zeitnahe Gegenwart, zu Beto Brants "Aktion unter Freunden": In diesem bitteren, visuell ambitionierten Film geht es um die Folgen der Militärdiktatur in den siebziger Jahren. Vier ehemalige Guerilleros stellen fest, dass ihr Folterer nicht tot ist, sondern auf einem abgelegenen Landgut Kampfhähne züchtet. Nun wollen die einen Rache nehmen, die anderen jedoch die Vergangenheit ruhen lassen. Ein alptraumhafter Polit-Thriller.

Auch die übrigen neuen brasilianischen Spiel- und Dokumentarfilme dieses kleinen Festivals spiegeln die Probleme einer 500 Jahre alten Nation, deren Vielvölkergemisch und krasse soziale Gegensätze für innere Konflikte sorgen und deren Naturschätze stets Objekte der Begierde ausländischer Profiteure waren. Sie sind es noch immer.

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