Filmmusik : Wüste Töne

Maurice Jarre erhält auf der Berlinale den Ehrenbären. Ein Gespräch mit dem Komponisten.

Maurice Jarre Foto: dpa
Maurice Jarre. -Foto: dpa

Monsieur Jarre, Sie erhalten als erster Filmkomponist den Ehrenbären. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?



Filmmusikkomponisten stehen im Schatten der Öffentlichkeit. Von der alten Generation sind nur noch Ennio Morricone und ich übrig geblieben. Umso mehr fühle mich geehrt, auch, weil ich Berlin durch meine Gastspiele 1996 und zur Jahrtausendwende sehr verbunden bin.

Stimmt es, dass ursprünglich der Komponist Aram Khatchaturian die erste Wahl David Leans war für die Musik zu "Lawrence von Arabien"?

Sam Spiegel, der Produzent des Filmes, sagte mir: „Maurice, ich möchte drei Komponisten haben, denn ich glaube, das wird der größte Film aller Zeiten.“ Khatchaturian sollte die arabische Musik schreiben. Das kam mir komisch vor: Ein russischer Armenier, der die arabische Musik schreiben soll? Die britische Militärmusik sollte Benjamin Britten komponieren. Nun, das war eine vernünftige Wahl. Ich sollte die dramaturgische Musik liefern und auch alles koordinieren. Einen Monat später rief Spiegel mich wieder an: Khatchaturian konnte Russland nicht verlassen, Britten hatte um einen Aufschub von anderthalb Jahren gebeten, weil er gerade an etwas anderem arbeitete. Bad news, sagte ich mir: Das ist wirklich fabelhaft!

War es Inspiration oder harte Arbeit, das majestätische Hauptthema von „Lawrence von Arabien“ zu komponieren?

Das Thema fand mich, ganz leicht, obwohl ich sehr unter Druck stand. Für den Rest hatte ich sechs Wochen Zeit – für zwei Stunden Musik. Ich überlegte mir, wie ich es in dieser geringen Zeitspanne schaffen konnte: Ich bin ein sehr schneller Arbeiter, immer gewesen. Ich stellte mir also einen Stundenplan auf. Fünf Stunden arbeitete ich, 15 Minuten schlief ich. Dann arbeitete ich wieder fünf Stunden. Danach erholte ich mich auf Sam Spiegels Kosten in einem Schweizer Sanatorium.

Warum verwendeten Sie elektronische Sounds in „Lawrence von Arabien“, einem Film, der fast ausschließlich in der Wüste spielt?

Wenn wir über Elektronik sprechen, denkt fast jeder an Synthesizer. 1924 erfand in Frankreich ein Ingenieur ein frühes elektronisches Element, das er Onde Martinot nannte und das wie ein vorsintflutliches Keyboard aussieht, aber völlig anders als ein Synthesizer klingt. Ich habe dieses seltene Instrument vor allem in der Szene gebraucht, als ein Araber in der Wüste verloren geht und die Sonne gnadenlos auf ihn niederbrennt. Mein Wunsch war es, eine Art Sound der siedenden Sonnenhitze zu kreieren, der einem das Gehirn versengt. Das Onde Martinot habe ich dann noch einmal bei „Doktor Schiwago“ verwendet.

Hören Sie sich Filmmusiken anderer Komponisten an?

Nein, ich lese lieber. Ich lerne exotische Sprachen. Und ich höre klassische Musik: Mozart. Ich finde, mit Mozart kann man den Tag beginnen. Nur wenn man sehr gute Laune hat, wenn man wirklich richtig stark ist, wenn man überzeugt ist, das Leben ist schön, dann kann man Mahler hören.

Ist Filmmusik die Klassik von heute?

Eine gute These. Ich glaube schon, dass das breite Publikum sich für Filmmusik begeistern kann, denn die Leute sind viel zu oft von den sogenannten "Schreibmaschinenkonzerten" der Avantgarde-Komponisten eingeschläfert worden.

Das Gespräch führte Marc Hairapetian.

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