Filmprojekt : Bagdad an der Oberbaumbrücke

„Sehnsucht Berlin“: Peter Zachs Dokumentarfilm erkundet die Stadt mit den Augen ehemaliger DAAD-Stipendiaten und nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise durch Berliner Vergangenheit und Gegenwart.

Gregor Dotzauer

Was Berlin ausmacht, findet man sogar in Lichterfelde Ost. Wenn ich Flügel hätte, sagt der estnische Komponist Arvo Pärt, würde ich hier gerne fliegen: „Man atmet hier sehr frei.“ Der Schnee fällt in dicken Flocken, er hüllt Pärt und seine Frau Eleonora fast ein. Aber selbst Flügel könnten nicht ausdrücken, wie leicht ihm auch nach fast 30 Berliner Jahren ums Herz ist. 1980 kam er, wegen seiner religiös inspirierten Musik aus dem Sowjetreich verstoßen, über Wien in die Mauerstadt, wo ihn ein Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des DAAD empfing. „Es ist alles hier, was ein Leben braucht“, sagt er. Ein Kindergarten, ein Altersheim – und ein Friedhof.

Das alles würde man heute natürlich auch im Osten finden, so schnell sich die Klimazonen stadtauswärts ändern und die Wohligkeit von Mitte, wie sie der englische Künstler Stephen Wilks Ende der 90er Jahre als DAAD-Stipendiat erfuhr, abnimmt. „Weißensee is another cup of tea“, gesteht er und staunt, wie sich Berlin im Gegensatz zu anderen Großstädten nicht in einer unendlichen Banlieue verliert, sondern manchmal abrupt abbricht und sich ins weite Land öffnet.

Peter Zachs Dokumentarfilm „Sehnsucht Berlin“ spürt diesen Topografien nach – mit fremdem Künstlerblick, der die Stadt oft auch für den Einheimischen kenntlicher macht. Der Prager Dichter Petr Borkovec zum Beispiel klagt über die Goldene Stadt: „Sie buckelt vor den Touristen.“ Ein Vorwurf, den er Berlin nicht machen will. Und der Schriftsteller György Konrád, in den 70er Jahren einer der ersten ungarischen Gäste des DAADProgramms, macht seinem Schweizer Kollegen Paul Nizon Anfang der 80er am Kneipentresen das schöne Geständnis: „Ich habe eine Klaustromanie.“

Berlin hat sie alle, für ein Jahr vom DAAD gut alimentiert, verändert und nicht selten so in Bann geschlagen, dass sie geblieben sind. Der amerikanische Stimmakrobat David Moss lebt seit fast 20 Jahren in der Stadt, in der er an manchen Tagen 30 verschiedene Sprachen hört. Und der chilenische Schriftsteller Antonio Skármeta, der zur Jahrtausendwende schließlich Botschafter seines nunmehr demokratischen Landes wurde, kehrt immer wieder hierher zurück. Der Film bringt diese Berliner auf Zeit und für immer noch einmal an die Orte, die hier ihr Traum- und Sehnsuchtsgelände wurden – nachdem das Berliner Künstlerprogramm eine Inselgeburt war, vor allem auf westlichem Terrain.

Der Ukrainer Juri Andruchowytsch besteigt den Teufelsberg, bewundert die Reste der amerikanischen Radarstation und kehrt an den Stuttgarter Platz zurück, wo er tagsüber vor dem Fenster mit den Augen Dutzende von Küssen einsammelte. Und der Ungar Péter Nádas schaut noch einmal von der Bernauer Straße auf den ehemaligen Grenzstreifen, auf dem sich die 1985 von der DDR gesprengte Versöhnungskirche befand.

„Sehnsucht Berlin“, getragen von einem elegischen Grundton, ist ein Film der fließenden Bewegungen und sanften Übergänge. Die Straßen, die Kameramann Thomas Plenert abfährt, setzen sich manchmal überraschend neu zusammen, die Tonspur verweist schon auf die nächste Szene im Bild, und immer wieder überlagern und überblenden sich Vergangenheit und Gegenwart – etwa wenn der Schweizer Filmemacher Clemens Klopfenstein sich wieder zur Oberbaumbrücke begibt, wo er einst ängstlich die Grenzpolizisten filmte und sich anschließend beim Imbiss „Bagdad“ am Schlesischen Tor erholte.

Nächste Vorführungen im Babylon Mitte: 25.3., 18 Uhr, 26.3., 20 Uhr. DVD von www.absolutmedien.de für 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben