Ein lakonischer Ton zeichnet die Filme von Sonja Heiss aus

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Filmregisseurin Sonja Heiss : Am besten gleich zum Therapeuten
Die Berliner Filmregisseurin und Autorin Sonja Heiss.
Die Berliner Filmregisseurin und Autorin Sonja Heiss.Foto: Mike Wolff

Begriffliche Trennschärfe hin oder her – wenn einen die Panik ereile, glaube man sowieso: „Ich bin die Einzige, der es so geht“, beschreibt Heiss. Das Problem mit psychischen Erkrankungen sei, „dass man darüber quasi den Körper verliert und zum Kopf wird. Zum Kopf mit Beinen“. In dieser Spirale der Selbstumkreisung steckt auch Hedi Schneider. Worüber ihr Freund zunehmend verzweifelt. Hans Löw spielt das toll: wie die Kraftreserven fürs liebevolle Kümmern sich verbrauchen. Die Frustration darüber, selbst nicht mehr vorzukommen in der Beziehung. Die Überforderung, weil Hedi wieder zum Kind wird, das nicht alleine zu Hause bleiben kann. „Man will ja aufblicken zu dem, den man liebt“, sagt Heiss. „Jedenfalls gelegentlich“.

Bei all dem ist „Hedi Schneider“ keine tragische Geschichte. Weil die Regisseurin einen Humor besitzt, der unverdrossen auch durch die Schwärze funkt. Als Heiss ihre zweite Angststörung hatte und die Arbeit am Drehbuch unterbrechen musste, begann sie Kurzgeschichten zu schreiben. Erst mal nur für sich. Daraus ist schließlich der leuchtende Erzählband „Das Glück geht aus“ entstanden, dessen Geschichten Titel wie „Teewurst“ tragen und in dem eine Figur den großartigen Satz spricht: „Es macht mich schön und besonders, dass ich psychische Probleme habe. Ein bisschen so wie Sylvia Plath.“ Es dieser lakonische Ton, der auch Heiss’ Filme auszeichnet. Ein amüsiertes Kopfschütteln über das Hamsterrad, in dem man selber strampelt. Klar sei Humor auch Überlebensstrategie, sagt sie. Hilfreich in jeder Lage, „zum Beispiel, wenn man einen Elternabend durchstehen muss“. Oder wenn man als junge Mutter plötzlich von wildfremden Gesundheitswächtern angegangen wird: „Warum stillen Sie nicht?“

Momentan schreibt sie an einem Familienroman

Ein zentrales Thema bei Heiss sind die Ansprüche, die wir stellen. An das Glück, das gefälligst Dauerzustand sein soll. Vor allem aber an uns selbst. Trotz Job und Kind muss die Wohnung immer aufgeräumt sein und gesundes Bio-Essen auf dem Tisch stehen. Obendrein soll man den immer gut gelaunten Spielkumpel für den Nachwuchs geben. „Und wenn man doch mal sein Kind anfaucht in dem ganzen Stress, hat man sofort ein irre schlechtes Gewissen, weil man ja aus den Erziehungsratgebern weiß, wie kontraproduktiv das ist.“ Besser gleich den Therapeuten für später buchen.

Die Maßstäbe, die moderne Großstadtmenschen anlegen, sind unerfüllbar geworden. Das war in früheren Generationen noch anders, wobei man die andererseits auch nicht idealisieren muss. Im Film sagt Hedis Mutter einmal in entwaffnender Ratlosigkeit zu ihrer psychisch kranken Tochter: „Wenn es mir schlecht geht, gehe ich einfach kalt duschen.“ Dass Heiss momentan einen Familienroman schreibt, ist vor diesem Hintergrund die Vorfreude-Nachricht überhaupt.

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Ob es mit Hedi ein gutes Ende nimmt? Kommt auf die Perspektive an. Heiss lässt ihren Film im hohen Norden enden, wo ihre Protagonisten ursprünglich beschließen sollten, für einen einzigen Tag glücklich zu sein. Und dieser Tag endet dann nicht. Weil oberhalb des Polarkreises im Sommer die Sonne nicht untergeht. „Das in einem Film zu kommunizieren, ist allerdings irre kompliziert“, erzählt die Regisseurin. „Dafür muss man ein Handbuch austeilen oder einen sehr schlechten Dialog schreiben.“ Ach, der Tag geht ja gar nicht zu Ende, es ist ja Mittsommernacht! Also begnügen sich ihre Figuren jetzt damit, ihr Glück für eine Minute zu versuchen. Keine schlechte Idee. Einfach mal die Ansprüche runterschrauben.

„Hedi Schneider steckt fest“ läuft im Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche Höfe, International, Kant Kino, Kulturbrauerei, Moviemento, Passage.

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