Filmrezension : Alte Neue Welle

Claude Millers Drama „Ein Geheimnis“ nach Philippe Grimberts autobiografischem Roman lässt leider keine Spannung aufkommen. Über den späten Wiedergänger der Nouvelle Vague kommt der Film nicht hinaus.

Christina Tilmann
Ein Geheimnis
Ludivine Sagnier spielt Hannah in "Ein Geheimnis". -Foto: Promo

Nein, diesmal ist es nicht Ludivine Sagnier, die sich wie in François Ozons „Swimming Pool“ im knappen Einteiler am Beckenrand räkelt, und die Kamera fährt lustvoll die Wassertropfen auf der braun gebrannten Haut nach. In Claude Millers „Ein Geheimnis“ spielt Ludivine Sagnier die verhaltenere Rolle der rothaarigen Händlerstochter Hannah: Eben noch tanzt sie glücklich auf ihrer Hochzeit, und der Ehemann betrügt sie schon, wenn auch zunächst nur mit Blicken und Gedanken. Das Objekt seiner Begierde und erotische Zentrum des Films ist die strahlende Schwimmbadschönheit Tania (Cécile de France), ein kurzhaariges Sportsmädel, athletisch und sehr modern.

„Ein Geheimnis“ ist immer dort überzeugend, wo er das unbekümmerte Dasein zu Beginn der Dreißigerjahre ausmalt. Mit Körperkult und Sportbegeisterung, mit selbstbewussten Schönen, mit Picknicks im Grünen und einer verführerisch in der Luft liegenden Dreierbeziehung. Doch der Schwerpunkt des Geschehens liegt in den elegisch sepiagetönten Nachkriegsszenen, in denen alles Verbitterung, Düsternis, Rätsel bleibt. Der siebenjährige François ahnt, dass mit der Ehe seiner Eltern etwas nicht stimmt. Die manische Sportbegeisterung des Vaters Maxime (Patrick Bruel), die herbe Bitterkeit der Mutter Tania, ein auf dem Dachboden versteckter Koffer, ein Bruder, den er sich als Freund erfindet, und die Nachbarin Louise (Julie Depardieu), bei der François die zu Hause so vermisste Wärme findet: All das deutet auf ein düsteres Familiengeheimnis hin.

Doch so behutsam – nach Philippe Grimberts autobiografischem Roman „Un Secret“ – das Trauma in leuchtenden Rückblenden und schwarzweiß gemalten Gegenwartsszenen aufgearbeitet wird: Spannung kommt partout nicht auf. Zu schnell ahnt der Zuschauer, was das ominöse Geheimnis sein mag, zu deutlich wird die therapeutische Funktion dieses historischen Aufarbeitungsfilms, und zu altmodisch auch wirkt selbst die verschachtelt-verrätselte Erinnerungsstruktur des Films.

„Un secret“ kommt über den späten Wiedergänger der Nouvelle Vague nicht hinaus: Der Truffaut-Schüler Claude Miller hatte in den Achtzigern mit Kriminalfilmen wie „Das Verhör“, „Das Auge“ und „Die kleine Diebin“ seine große Zeit und zuletzt mit der Tschechow-Adaption „Die kleine Lili“ einen schönen Pubertätsfilm gedreht. Doch die Story von „Ein Geheimnis“ schwimmt sich nicht frei. Auch das fast tragisch: Denn alle Figuren – die sportliche Tania wie die elegische Hannah und erst recht der wankelmütige Maxime – suchen den Ausbruch aus ihrem Leben.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Eiszeit, Filmkunst 66, Kulturbrauerei, Neues Off; OmU in den Hackeschen Höfen

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