Kultur : Filmriss als Dauerzustand

Im Kino: Franz Müllers locker-surreale Komödie „Science Fiction“

Silvia Hallensleben

Nur die Glücklichsten haben noch nie ein Motivationsseminar von innen gesehen, wo gescheiterte Lehrer und BWL-Studenten ihren Mitmenschen vermeintlich Erfolg lehren. Meistens gehen die Beteiligten danach ein wenig ärmer nach Hause. Was aber wäre, wenn unter den markigen Trainerworten tatsächlich die Realität ins Wanken geriete? Die Türen etwa, die Erfolgstrainer Marcus seinen Eleven als griffiges Schlüsselkonzept vermarktet: Hinter jeder verschlossenen Tür liegt eine Welt zur Eroberung bereit. Nur das richtige Öffnen muss gelernt sein. Unser Filmheld Jörg Karsunke stellt sich dabei so ungelenk an, dass der Kursleiter selbst mit ihm zur Unterweisung auf den Flur tritt. Mit Erfolg: Beim Wiedereintreten ist der ganze Kurs verschwunden.

Warum, bleibt allerdings unklar. Nachhaltiger und konsequenter durchgehalten ist in „Science Fiction“ das Phänomen, das umgekehrt die beiden aus dem Gedächtnis jeder Person löscht, sobald sich eine Tür zwischen dieser und ihnen schließt. Das verbindet: Und so werden der smarte Manager-Schnösel (Jan Henrik Stahlberg) und der arbeitslose Ossi (Arved Birnbaum) zum Paar wider Willen in einer Welt mit Dauerfilmriss. Dabei nutzen die beiden ungleichen Protagonisten vom Gratishotelzimmer bis zur groben Beleidigung erst einmal alle verfügbaren Möglichkeiten. Ein Problem nur die Liebe: Auch da bietet die fehlende Erinnerung zwar den Vorteil, Anmachtaktik durch praktische Übung am selben Objekt verfeinern zu können. Doch dauerhafte Annäherung ist kaum möglich. Und so kniffeln Marcus und Jörg bald an diversen Tricks im Kampf um dieselbe Frau.

Viele der ungewöhnlicheren und aufregenderen deutschen Filme der letzten Jahre haben ihren Ursprung in der Kölner Kunsthochschule für Medien. Auch Franz Müllers Abschlussfilm entzieht sich nachhaltig den Erwartungen, die in Deutschland speziell an Komödien gestellt werden. Hier gibt es keine Plotpoints und ausgetüftelten Dialoge, dafür eine Folge locker hingestreuter und halbimprovisierter Szenen, die sich an der surrealen Grundidee entzünden.

Manchmal, so scheint es, wurde dabei speziell bei trinkfesten Rheinländerinnen auch der Einsatz von bewusstseinserheiternden Rauschmitteln nicht gescheut. So kommt „Science Fiction“ sehr entspannt daher. Schade nur, dass in den Plot logische Stolperfallen eingebaut sind, die sich auch bei mehrmaligem Sehen nicht aufklären lassen.

In Berlin im Kino Eiszeit .

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