Kultur : Filmrolle rückwärts

Daniela Sannwald

Ein Auto brettert eine Landstraße entlang, eine Brücke hinauf. Die aber bricht in der Mitte ab. Das Auto überschlägt sich. Das Bild friert ein. Später kann man die Fahrerin erkennen, die sich mühsam, aber offenbar unversehrt aus dem Wagen befreit. Dann kommt ein Mopedfahrer und liest sie auf. Zusammen fahren sie in ein Dorf, das womöglich noch weiter weg vom Rest der Welt ist als das Nirgendwo.

Patagonien, Feuerland, das sind Synonyme für den abgelegensten Teil der Welt; und nicht nur hier zu Lande, sondern auch noch in Buenos Aires wähnt man sich weit weg von diesem südlichsten Zipfel Südamerikas. Aus Buenos Aires kommt Soledad, die Heldin dieses argentinischen Films, der in den siebziger Jahren spielt. Sie hat ihren Job satt und findet sich nun in einem patagonischen Dorf wieder, dessen Bewohner merkwürdig verwirrt wirken. Nicht nur weil sie seit langer Zeit abgeschieden vom Rest der Welt leben, sondern auch, weil sie leidenschaftliche Kinogänger sind. Aber was sie dort zu sehen kriegen, sind verwaschene, oftmals gerissene, uralte Kopien von europäischen und amerikanischen B-Movies, deren Rollen in beliebiger Reihenfolge, vorwärts und rückwärts, von dem eigenwilligen Kinobesitzer vorgeführt werden.

Wie alle Provinzfilme schlägt "Das letzte Kino der Welt" Kapital aus der liebenswürdigen Skurrilität der Dorfbewohner, allen voran Angela Molina als Laden- und Pensionsbetreiberin, die es, wie schon in Ciro Cappellaris "Zeit der Flamingos" (1997), wegen eines Mannes in das Kaff verschlagen hat. Als sie Soledad ihre Geschichte erzählt, wischt sie mit einer beiläufigen Handbewegung eine Träne weg; und allein wegen solcher kleinen Gesten, mit denen diese großartige Schauspielerin ihre Vergangenheit lebendig werden lässt, lohnt sich der Film. Es gibt außerdem einen Erfinder, der immer ein wenig, und einen Filmkritiker, der stets viel zu spät dran ist. Trotzdem wird Soledad ihn heiraten und hinfort als örtliche Fernsehmoderatorin fungieren.

Und dann erinnert uns der Film daran, dass wir es nicht mit einem Märchenland, sondern mit einem konkreten Staat namens Argentinien zu tun haben. Der Militärputsch von 1976 hinterlässt selbst in dem gottverlassenen Nest seine Spuren: Der Erfinder Antonio ist in die Stadt gegangen. Als er zurückkommt, ist er ein von der Folter gebrochener Mann. Der Film lässt plötzlich sozialkritische Töne anklingen - im Gegensatz zu Chile gibt es in Argentinien eine um die Aufarbeitung der unrühmlichen Vergangenheit bemühte Öffentlichkeit. Dass für die Bewohner des Dorfes die Stadt, der Putsch und die Welt weiterhin so weit weg scheinen wie der Mond, tut nichts zur Sache. Es geht Alejandro Agresti um die Frage, wie viel Realität verkraftbar ist und was überhaupt als real wahrgenommen wird. Denn, so hat Antonio längst begriffen: Alles ist relativ.

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