Kultur : Filmschnitt ist wie Chirurgie

Eine Begegnung mit der New Yorker Filmemacherin Amie Siegel, die derzeit als daad-Stipendiatin in Berlin lebt

Tobias Hering

Als ich „Empathy“ zum ersten Mal sah, hatte ich gerade eine Elektroakupunktur hinter mir, die mich gegen den frühjährlichen Pollenflug immunisieren sollte. Die Unerbittlichkeit, mit der mein Arzt die Sensibilitätspunkte ertastete, hinterließ ein Gefühl in mir, ganz ähnlich dem, das mich bei Amie Siegels Film beschlich.

„Ich möchte nur Filme machen, die ich auch selbst sehen will“, sagt die 28-jährige New Yorker Filmemacherin, die seit Februar als daad-Stipendiatin in Berlin lebt und unlängst mit einer Film- und Videoreihe im Arsenal geehrt wurde. „Am interessantesten fand ich immer Filme, die ich nicht mochte, die mich aber trotzdem nicht mehr losgelassen haben.“

Einer ihrer ersten Kurzfilme, „Inclusum labor illustrat“, besteht aus einer suggestiven Bildfolge chirurgischer Eingriffe. „Mich hat die Verwandtschaft zwischen Film und Chirurgie fasziniert“, sagt sie. „Der Filmschnitt und der Schnitt des Chirurgen. Der Glaube, dass man etwas auseinander nehmen und wieder zusammensetzen kann.“ In beiden Künsten gebe es eine Technik, den Schnitt zu kaschieren. „Im narrativen Kino hat der Schnitt die Tendenz, entweder unsichtbar oder vorhersehbar zu werden“, sagt Amie Siegel. Die Montage werde verharmlost, indem die Spannungen zwischen den Bildern verwischt werden. Es gehe ihr daher mit ihren Filmen darum, den Zuschauer an einen Punkt zu bringen, wo er bemerkt, was passiert. „Ich vertrete die Auffassung, dass der Zuschauer die Bilder selbst zusammenfügt, die ihm der Film anbietet.“

Ihre Filme, sagt Siegel, stellen sich explizit außerhalb eines Systems, das sich an Marktanalysen und Zielgruppen orientiert. Eine vertraute Position. Genauso vertraut wie der Vorwurf, diese Einstellung sei elitär. „Ich habe nichts gegen Konsum“, verteidigt sich die Regisseurin. „Ich mag Mode, ich mag Stoffe und Farben und Schnittmuster, ich mag, wie sich die Dinge anfühlen und wie sie zu einem Ausdruck unserer Befindlichkeit werden.“ Wie die Werbung und die Massenmedien gehorche jedoch auch das Mainstream-Kino und ein Großteil der sogenannten Independent Filme der „narrativen Lüge“, dass sich all diese Gegenstände, Oberflächen und Fragmente zu einer kohärenten, Glück versprechenden und letztlich erfüllenden Geschichte verbinden.

„Natürlich stehe ich der Avantgarde näher als dem Mainstream“, sagt Siegel. „Was mich aber am meisten interessiert sind Ambivalenzen.“ Spannend werde es, wenn man sich in Sicherheit glaubt und wenn diese Sicherheit dann in Frage gestellt wird. Anstatt dem Zuschauer einen „moralischen Pfad“ anzubieten, auf dem er sich nicht verlaufen kann, spielt sie in ihren Filmen mit den Hoffnungen und Erwartungen. „Konventionen haben so etwas verdammt Beruhigendes. Wir klammern uns an sie, um uns sicher zu fühlen. Aber ich glaube, dass wir gerade dann am lebendigsten sind, wenn wir verunsichert sind.“

Amie Siegel arbeitet in Berlin an einem neuen Projekt. In ihrer Kreuzberger Wohnung hängen Post-Its an den Möbeln: „der Spiegel“, „die Tür“, „die Wand“. Amie Siegel lernt Deutsch. Sechs Monate werden wahrscheinlich nicht reichen, um nicht mehr als Amerikanerin erkannt zu werden. „Amerikanerin zu sein, rangiert bei mir etwa auf Platz 5000 der Attribute, über die ich mich identifiziere“, sagt sie. Aber wenn man im Ausland lebe, werde man unweigerlich zu einer Repräsentantin seiner eigenen Kultur. Bis vor kurzem war Berlin für Amie Siegel eine Stadt, die sie nur aus Filmen kannte. „Dann kommt man hierher und ist bereit, sämtliche Klischees über Bord zu werfen und die Leute in ihrer Komplexität zu verstehen. Aber was macht man, wenn sie sich perfekt ins Klischee fügen?“

Klischees, Stereotypen, Peinlichkeiten – alles Dinge, die Amie Siegel interessieren. Ihr erster Langfilm „The Sleepers“ montiert die Blicke eines anonymen Beobachters durch die Fenster eines Mietshauses so zu einer Bildfolge, dass der Betrachter dabei zum Voyeur wird. Die teils dokumentarischen, teils inszenierten Nachtbilder bekommen durch Fensterrahmen und Vorhänge, durch das Aus- und Einschalten der Zimmerbeleuchtung einen klandestinen Touch. „Kino funktioniert wie ein sexueller Fetisch“, sagt Amie Siegel. „Es geht darum, welche Art von Herausforderung man schätzt.“

In ihrem neuen Film „Empathy“ verteilt Amie Siegel die Irritation auf mehrere Ebenen. Auf einer dokumentarischen Ebene verbindet „Empathy“ Gespräche mit Psychoanalytikern über das Verhältnis zu ihren Patientinnen mit einer Recherche über den Zusammenhang von Psychoanalyse und modernistischer Architektur. Auf einer fiktionalen Ebene erzählt der Film die Geschichte einer mäßig erfolgreichen Schauspielerin Ende dreißig, die sich wöchentlich auf der Couch ihres Analytikers einfindet, ohne dass sie die Krankheit benennen könnte, für die sie sich Heilung verspricht. Zu Beginn überwiegt der dokumentarische Gestus. Zunehmend überlappen sich jedoch die beiden Ebenen. Es entsteht für den Zuschauer ein Konflikt zwischen der bequemen Situation, einer Studie über „Mitgefühl“ beizuwohnen, und der ungleich irritierenderen, sich mit den Inkonsistenzen des eigenen Einfühlungsvermögens konfrontiert zu sehen.

„Ich will dem Zuschauer nicht um jeden Preis auf die Füße zu treten“, sagt Amie Siegel. Eine der aufregendsten Erfahrungen aber sei es, sich aus seinem Zentrum vertreiben zu lassen und stattdessen an den Rändern umzusehen, wo man vielleicht gar nicht hin wollte. Für sie selbst sei Berlin der ideale Ort für diese Erfahrung, die sich auch in ihrem nächsten Film wiederfinden wird. „Es gibt hier eine gewisse Ambivalenz“, sagt sie, „die sich in Alltagssituationen und Gespräche einschleicht. Man weiß oft nicht, wie es gemeint ist. Aber das macht mein Leben hier ja gerade spannend.“

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