Filmstart : "Scre4m" - Das Gesicht der Angst

Mit „Scre4m“ kehrt die Slasher-Film-Reihe zu ihrem Ursprung zurück: Der vierte Teil ist mehr Remake als Fortsetzung.

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Rühr mich nicht an. Emma Roberts wird vom Maskenmann mit dem Messer verfolgt.
Rühr mich nicht an. Emma Roberts wird vom Maskenmann mit dem Messer verfolgt.Foto: Wild Bunch Germany

Die meisten Filme spielen in einer Welt, die der unseren zum Verwechseln ähnlich sieht, sich aber darin von ihr unterscheidet, dass die auftretenden bekannten Schauspieler dort offenbar nicht bekannte Schauspieler sind. Das ist praktisch, denn sonst würden sie ständig von Fremden angesprochen und müssten immer wieder erklären, dass sie beispielsweise nicht Johnny Depp sind, sondern Gilbert Grape, Donnie Brasco oder Edward mit den Scherenhänden. Bei Genrefilmen besteht eine zweite Abweichung von der Realität darin, dass die Figuren mit den dramaturgischen Konventionen des Genres nicht vertraut sind. So gehört es zu den Gesetzen des Zombiefilms, dass der Begriff „Zombie“ nicht verwendet wird – Zombiefilme spielen in einer Welt, in der es keine Zombiefilme gibt, weshalb die Figuren weder die Regeln im Umgang mit Untoten noch den Begriff kennen.

In den neunziger Jahren kam der Trend auf, mit der Differenz zwischen Film und Wirklichkeit zu spielen. Von „Last Action Hero“ bis „Being John Malkovich“ wurde das virtuose Verwischen der Grenze zur innovativen Kraft des Kinos. Auch Wes Cravens Film „Scream“ fiel 1996 in diese Phase und bot tatsächlich etwas Neues: einen Horrorfilm, dessen Figuren die Regeln des Genres kennen – was die meisten von ihnen allerdings nicht davor bewahrt, von einem Killer mit Maske im Edvard-Munch-Design erstochen zu werden. Die clevere Weise, in der „Scream“ aus Vorgängern zitierte, traf einen Nerv und machte den Film so erfolgreich, dass er das gesamte Genre des Slasher-Films wieder zum Leben erwecken konnte.

Was sind Slasher-Filme?

Slasher-Filme enthalten Elemente des Horrorfilms, des Thrillers und des Whodunit, also einer Krimi-Form, bei der das Publikum bis zuletzt angeregt wird, über Identität und Motivation des Täters zu spekulieren. Ein Genre-Hybrid, benannt nach dem Vorgang des Schlitzens, da der Mörder seine zahlreichen Opfer gewöhnlich mit einem Messer zur Strecke bringt. Gegen Ende eines düsteren, hoffnungslosen Kino-Jahrzehnts, das bereits den Paranoia- und den Terrorfilm hervorgebracht hatte, war das Slasher-Genre in den späten siebziger Jahren mit „Halloween“ und „Freitag der 13.“ aufgekommen, bevor es sich in den Achtzigern in belanglosen Fortsetzungen verlor. Auf „Scream“ folgte Ende der neunziger Jahre eine Welle neuer Produktionen, etwa „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“, „Düstere Legenden“ und weitere Folgen der „Halloween“-Reihe.

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Mehr von allem, was das Original erfolgreich machte

Diesen Trittbrettfahrern fehlt freilich die Doppelbödigkeit von „Scream“, dessen Erfolg darauf beruhte, dass er beides ist: selbstreferenzieller Spaß für Insider und effektiver Slasher-Film mit dem üblichen Spannungsaufbau, „Body Count“ und einer an den Haaren herbeipsychologisierten Killer-Motivation. Damit ist „Scream“ ein typisches Beispiel für das Kino, das Filmwissenschaftler postklassisch nennen: Genrekino, das mit den eigenen Gesetzen jongliert.

Dieser Strategie blieb „Scream“ auch in seinen Fortsetzungen treu. Der Killer des zweiten Teils geht nach den Regeln eines Sequels vor: mehr von allem, was den Erfolg des Originals ausgemacht hat. Die Geschehnisse des ersten Teils sind inzwischen unter dem Titel „Stab“ verfilmt worden, jeder kennt die schrecklichen Dinge, die das „Final Girl“ (so der Slasher-Fachbegriff für die einzige Überlebende eines Freundeskreises, die am Ende dem Killer die Stirn bietet) Sidney Prescott erlebt hat. Der Diskurs um mögliche Nachahmungseffekte von Gewaltfilmen wird aufgegriffen und vom Täter als Motivation genannt.

„Scream 3“ schließlich spielt in Hollywood, am Set des Films „Stab 3“, wobei nun die Protagonisten verdoppelt sind – in Gestalt der Schauspieler, die sie in der Adaption verkörpern. Das Vorgehen des Killers folgt nicht mehr der einfachen Sequel-Logik, sondern der des Abschlusskapitels einer Trilogie: Etwas in der Vorgeschichte ist anders als bislang angenommen. In einer Nebenrolle taucht Carrie Fisher auf und wird auf ihre Ähnlichkeit mit Prinzessin Leia angesprochen. Der Film spielt also in einer Welt, in der Carrie Fisher eine bekannte Schauspielerin ist.

Nicht aber Neve Campbell, Courtney Cox und Co. Hier beharrt die Reihe auf ihrer Illusion. Die Figuren erkennen, dass der Killer nach dem Vorbild von Slasher-Filmen vorgeht, aber sie erkennen nicht, dass sie selbst sich in einem Film befinden. Die Verfilmungen heißen nicht „Scream“, sondern eben „Stab“ und die Ausschnitte daraus unterscheiden sich in Besetzung und Inszenierung deutlich von dem, was als filmische Realität präsentiert wurde. Die vierte Wand wird in der „Scream“-Reihe strikt aufrechterhalten, das Spiel mit der Grenze zwischen Film und Wirklichkeit nie so weit getrieben, dass es das Funktionieren als Genre-Film gefährden könnte. Wes Craven ist nicht Charlie Kaufman oder Michael Haneke, und die „Scream“-Filme sind kein kühnes Experiment, sondern Teenie-Horror-Movies – bloß etwas hintergründiger als die meisten anderen.

Keine Fortsetzung, sondern ein Remake

Daran ändert auch „Scre4m“ nur auf den ersten Blick etwas. Das jüngste Sequel setzt nach nunmehr elf Jahren die Trilogie fort, deren Folgen in Deutschland jeweils knapp zwei Millionen Zuschauer ins Kino zogen. Nach einer originellen, doppel- und tripelbödigen Anfangssequenz ist bald wieder alles beim Alten. Der Killer kehrt zum Schauplatz des ersten Films zurück, er strebt keine Fortsetzung an, sondern ein Remake des Originals. Die Genreformel, erfahren wir, ist mittlerweile so oft variiert worden, dass eigentlich alles möglich ist. Aber eine Formel, bei der alles möglich ist, ist keine Formel mehr – schlechte Zeiten also für selbstreferenzielle Spielchen.

Es gibt jetzt Facebook und Live-Blogging, doch im Vergleich zu den vorigen Folgen kommt nicht genug Neues hinzu, was eine Fortsetzung nach so langer Pause attraktiv machen würde. Die mit den Gesetzen von Mehrteilern vertrauten Macher hätten vielleicht bedenken sollen, dass nach längerer Unterbrechung fortgesetzte Trilogien („Indiana Jones“, „Star Wars“) selten von ihren Ergänzungen profitieren. Und die Killer, die immer aufs Neue die von Neve Campbell verkörperte Sidney Prescott heimsuchen, sollten als Slasher-Experten doch wissen, dass das Final Girl stets die Oberhand behält.

Das Horrorgenre hat sich verändert im letzten Jahrzehnt, es ist direkter, härter, sadistischer geworden. „Scre4m“ wirkt da mit seinen Nebenhandlungen und komischen Momenten beinahe anachronistisch. Dabei ist der Horror der „Scream“Reihe realer als der seiner Genrekollegen, weil sich der Zuschauer mit den horrorfilmversierten Filmfiguren auf Augenhöhe befindet.

Andererseits handeln Horrorfilme ja gewöhnlich davon, dass Albträume in den Wachzustand eindringen und finstere Fantasien in die Wirklichkeit ausbrechen. Indem sich der Horror der „Scream“-Reihe streng an die wiederholt definierten Regeln des Genres hält, wird er jedoch domestiziert und berechenbar. In Zeiten, in denen der Schrecken allgegenwärtig ist, ist das immerhin eine beruhigende Vorstellung.

„Scre4m“ läuft ab Donnerstag im Kino.

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