Finale Temporäre Kunsthalle : Zum Schluss gibt es ein großes Feuerwerk

Großes Finale: Mit John Bocks Ausstellung schließt nach zwei Jahren die Temporäre Kunsthalle. Was brachte der White Cube der Kunstmetropole Berlin?

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John Bocks Ausstellungsparcours führt in die Höhe.
John Bocks Ausstellungsparcours führt in die Höhe.Foto: dpa

Die Temporäre Kunsthalle zeigt noch einmal, was sie kann. Der White Cube wird auf den Kopf gestellt, genau ins Gegenteil eines weißen, aseptischen Raumes verkehrt, in dem Bilder wie tot an Wänden hängen. Der Berliner Künstler John Bock ist der Gastkurator und Erfinder dieses kreativen Chaos, das sich jedoch als durchdachte Struktur erweist. Statt sich wie üblich in der Horizontalen auszubreiten, geht die Ausstellungsarchitektur nach oben. Wer die Temporäre Kunsthalle besucht, muss über Treppen steigen, sich auf luftige Bühnen wagen.

Für die letzte Ausstellung in der nur für zwei Jahre auf dem Schlossplatz erbauten Kunstkiste wurde ein Haus im Haus konstruiert, das vier Geschosse hat – mit unterschiedlichen Räumen, Höhlen, Bretterverschlägen. Darin sind über 150 Werke von 63 Künstlern eingewoben. John Bock, der verrückte Performer, der sich durch seine selbstgebauten Räume und Verschalungen wühlt und dabei geniale wissenschaftliche Vorträge hält, hat hier den Spieß umgedreht. Der Besucher erwandert sich nun selbst seinen Dada-Kontinent und wird zum eigenen Reiseführer.

Bei der Dichte der zusammengestellten Werke, den überraschenden Kombinationen, wuchernden Wandgestaltungen aus ausgestopften Strümpfen, verbrannten Pizzas oder verknüpften Autoreifen fällt das nicht immer leicht. Doch wer einmal in diesen Kosmos hineingeraten ist, den verschraubten Ideen dieses Daniel Düsentrieb der Künste folgt, der erlebt ein Gesamtkunstwerk, wie es Berlin noch selten gesehen hat.

Kunst, Architektur, Design, Musik, Theater finden hier im totalen Crossover zueinander; die Arbeiten mehrheitlich junger Berliner Künstler werden mit etablierten Positionen wie Franz West, Martin Kippenberger, Meuser oder Heimo Zobernig gekreuzt, eine Rezeptur, die sich bereits bei den letzten drei Ausstellungen bewährt hat. Doch Bock geht weiter; er durchstößt die Hallenwände, gräbt sich in den Boden ein. Die „Unendliche Säule“ von Michael Sailstorfer in Anlehnung an Brancusis berühmte Skulptur jagt als Lichtstrahl in den Himmel, Adrian Lohmüller bohrt sich zwei Meter in die Tiefe und hinterlässt einen Schuttberg im Saal.

Ein Balkon ragt heraus zum Schlossplatz, wo das Leben tobt. Wer sich traut, gelangt auf einem Steg über den Abgrund in einen „Backstage“- Raum, in dem Matthew Burbridge eine Rumpelküche eingerichtet hat. Oder er kann zum kopfüber gehängten Riesen-Vogelhaus unter der Decke balancieren, wo sich zwei Schwalben in Björn Brauns Rucksack eingenistet haben. Im Musikzimmer sind Schriften der Komponisten Edgar Varèse, Iannis Xenakis und Bernd Alois Zimmermann mit der Gitarre von Justin Jones kombiniert, Mitglied der britischen Band And Also The Trees, die am 9. Juli in der Kunsthalle ein Konzert geben wird.

John Bock führt durch seine Welt, zeigt Vorlieben und Leidenschaften, wenn er etwa den Filmraum mit Requisiten von Tom Tykwers „Parfüm“, „Die Unendliche Geschichte“ und „Nosferatu“ sowie mit Plakaten von „Seewolf“ Raimund Harmstorf ausstaffiert. Wer durch Rohre und Gucklöcher hinausblickt, kann im Endlosloop das Intro von Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ sehen. Und doch ist dieses freie Flottieren keine private Spielerei, sondern programmatisch für einen Kunstbegriff, der sich keine Grenzen setzt und das freie Denken postuliert. Prompt ist Christoph Schlingensief nicht weit, dessen Opernprojekt in Burkina Faso ein Raum gewidmet ist, mit Architekturmodell, verkleinerter Version eines Besucherhauses sowie Videos vom Spielort. Selten hat sich die Szene Berlins so brodelnd, ausgreifend, vital gezeigt.

Die Gegenwartskunst verabschiedet sich von der historischen Mitte der Stadt mit einem Tusch, der noch lange nachhallt, selbst wenn dort die U-Bahnstation „Museumsinsel“ ihren Betrieb aufgenommen haben wird. Schon rückt die Baustelle an das Gebäude heran, Bagger nagen am hölzernen Rand. Mancher mag gehofft haben, dass die Kunsthalle wegen der Verschiebung des Schloss-Wiederaufbaus länger bleiben kann. Doch ihre Zeit war von Anfang an befristet: zwei Jahre, acht Ausstellungen – dabei bleibt es.

Das Team um Ausstellungsleiterin Angela Rosenberg und Geschäftsführer Benjamin Anders löst sich auf, wenn es am schönsten ist. Dabei sah es zunächst für die Temporäre Kunsthalle gar nicht gut aus. Das aus vier prominenten Kuratoren besetzte Beratergremium zeigte im ersten Jahr jeweils seine Favoriten mit Einzelausstellungen, die jedoch merkwürdig erratisch blieben: Candice Breitz, Simon Starling, Katharina Grosse, das Duo Calzadilla & Caldoro kamen an diesem eigenwilligen Ort, diesem Niemandsland, nie wirklich an. Die von Künstlern im Palast der Republik kurz vor dem Abriss mit einer inzwischen legendären Ausstellung angestoßene Idee, hier im Herzen der Stadt der zeitgenössischen Szene einen Platz zu geben, schien plötzlich unerreichbar fern.

Zur Halbzeit wurde das Ruder dann herumgerissen, zwei Geschäftsführer mussten packen, das Beraterteam ging ebenfalls. Die Erfolgsformel war einfach: Wurde vorher die Kunst von außen herangetragen, übernahmen nun Künstler wie Kirstine Roepstorff, Karin Sander, Tilo Schulz selbst die Kuratorenrolle. So wurden Netzwerke angezapft und Konzepte erprobt, wie sie in einer festen Institution kaum vorstellbar wären. Plötzlich war der Geist Berlins als Produktionsort spürbar. Und die Besucher kamen wieder, nachdem Mäzen Dieter Rosenkranz, der auch schon die zwei Millionen Euro für den Bau der Halle gegeben hatte, den Eintritt sponserte. Statt der erwarteten 500 000 Besucher werden es am Ende nur 200 000 sein. Bedauern wird nun laut, dass dies alles vorüber sein soll.

Umso lauter tönt die Stille um das andere Kunsthallen-Projekt Berlins, Wowereits Prestigeobjekt, das ihm die eigenen Parteigenossen beinah vermiest haben. Ende 2009 legten sie im Kulturausschuss seinen 30-Millionen-Neubau auf Eis und genehmigten nur 200 000 Euro für 2010 und 400 000 Euro für 2011 für eine „mobile Kunsthalle“. Dahinter verbirgt sich ein Pilotprojekt, das jedoch immer weiter verschoben wird. Nach neuestem Stand soll es nun nach den Sommerferien präsentiert werden. Die Kulturverwaltung hofft, dass irgendwann wieder über den Humboldthafen diskutiert wird, den Wowereit als Standort favorisiert. Gegenwärtig werden dort die Grundstücke einzeln verkauft, nachdem die Pläne mit Investor Nicolas Berggruen geplatzt sind.

Währenddessen hat sich das Interesse an einer dauerhaften Kunsthalle verflüchtigt. Der neue Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann holt sich die Berliner Künstlerstars selbst ins Haus, zuletzt Thomas Demand; gegenwärtig zeigt der Gropius-Bau Olafur Eliasson. Schon mehren sich die Stimmen, die vorhandene Institutionen wie Kunst-Werke, Berlinische Galerie oder Kunstvereine stärker gefördert sehen wollen. Die Temporäre Kunsthalle war ein Versuchsballon, der die Anziehungskraft, die energetische Aufladung eines solchen Ortes vorgeführt hat. Eine Antwort auf die Fragen nach einem dauerhaften Konzept, nach Künstlerauswahl, Standort und Leitungsmodell konnte sie nicht geben. Ihre Stärke bestand in der zeitlichen Begrenzung. Typisch Berlin.

Temporäre Kunsthalle, Schlossplatz,

bis 31. 8., tägl. 11-18 Uhr, Mo-21 Uhr

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