Kultur : Finale vorm Pantheon

Sibylle Lewitscharoff schlägt in ihrem Roman „Montgomery“ fantastische Brücken: vom Neckar an den Tiber, von Jud Süß nach Cinecittà

Peter von Becker

Joseph Goebbels, Veit Harlan und die Nazis sind tot. Aber Josef Süß Oppenheimer, der einst dem Herzog von Württemberg als Finanzberater diente, dann in Ungnade fiel und 1738 unterm Jubel des Pöbels auf dem Stuttgarter Marktplatz gehenkt wurde, lebt jetzt noch einmal auf. Weil ein schwäbisch-italienischer Filmproduzent mit dem funkelnden Namen Montgomery Cassini-Stahl den „Jud Süß“ noch einmal verfilmen möchte: 60 Jahre nach dem berüchtigten NS-Propagandawerk, und diesmal auf den wahren historischen Spuren (oder zumindest nach den literarischen Versionen von Wilhelm Hauff bis Lion Feuchtwanger).

Dieser „Jud Süß“ mit seinem grausamen, unrühmlichen Ende ist Signor Cassini-Stahls Lebenstraum – dessen Verwirklichung er indes nicht mehr erleben wird. Aber was ist schon ganz wirklich an dieser über die Zeiten, Länder, Kulturen hinweg gesponnenen Geschichte?

Ausgedacht hat sie sich eine Schwäbin in Berlin, wohl auch angeregt durch ein dreimonatiges Stipendium in der frisch restaurierten Casa di Goethe zu Rom, wofür die Autorin Sibylle Lewitscharoff sich in einer Nachbemerkung bedankt. Zuvor hatte sie mit einer fantastischen Fabel namens „Pong“ Aufsehen erregt, für deren erste Leseprobe sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Nach dem Kauz Pong war dann auch „Der höfliche Harald“ als nächster Titelheld eine eher mythisch-kindliche Schnurrenfigur. So ist nun der neue Roman „Montgomery“ nicht nur wegen seiner fast 350 Seiten Sibylle Lewitscharoffs bisher größter Wurf. Sie hat auch weiter gezielt: aus dem Irrlicht des Märchens in den Anschein der Realität, hier und heute in Rom – und im Schatten zugleich der deutschen Vergangenheit.

Dieser Montgomery erinnert die 1954 in Stuttgart geborene, in Berlin lebende Schriftstellerin natürlich auch an den gleichnamigen britischen Feldmarschall und seinen aus Stuttgart stammenden Lieblingsgegner im Zweiten Weltkrieg, den „Wüstenfuchs“ Rommel. Doch den Vornamen trägt er wegen der Vorliebe seines Vaters für den dunkelhaarig weichen Hollywoodstar Montgomery Clift. Und dieser Vater, der italienische Kriegsfotograf Cassini, ist 1945 mit den Amerikanern nach Deutschland gekommen und hat in Stuttgart-Degerloch die Tochter eines (nazinahen) Fabrikanten namens Stahl geheiratet. Sie hat er nach der Geburt zweier Söhne bald wieder Richtung Süden verlassen.

Später, da war Vater Cassini schon tot und der ältere, gehbehinderte Bruder mit dem Rollstuhl in den Pool der Degerlocher Familienvilla gefallen und ertrunken, ist Montgomery, ein melancholisch umflorter, vom Nazifabrikantengroßvater gequälter Junge, dann nach Rom entflohen und mit Hilfe eines filmkundigen Onkels zum Produzenten geworden, zu einem stillen, vor allem im Privatleben (mit Männern, mit Frauen) hochdiskreten Tycoon. Kein Carlo Ponti, nein, ein leicht magenkranker, ziemlich einzelgängerischer Vegetarier, der eine Nase, aber kein übertriebenes Interesse hat für Geld und manchmal auch Blut, Fleisch und Tränen riecht. Obwohl der Roman im südlichen Licht spielt, bleibt sein Held dabei ein Schattenmann. Vielleicht auch ein Nachtgespenst.

Jedenfalls trifft ihn Lewitscharoffs alter Ego, ein aus Stuttgart-Degerloch stammender Journalist, der in Rom etwas über das Heilige Jahr schreiben soll, plötzlich auf dem Campo de’ Fiori: „nachts um kurz vor vier“. Das klingt um diese Uhrzeit überraschend genau, zumal der Erzähler selbst „betrunken“ ist; er erkennt dennoch sofort, der „hagere Mann in dem dünnen Regenmantel war ein alter Schulkamerad“ – worauf er dem eben noch wildfremden Römer den Finger auf die Brust setzt: „Du bist doch der Blechle.“ Und das alles, nachdem man sich „seit vierzig Jahren nicht gesehen“ hatte. Wie ein ehemaliges Schulkind ein anderes Kind so unverhofft in einem Erwachsenen wiedererkennt, muss wohl ein Wunder der alkoholischen Hellsicht sein. Doch an der Idee dieser Begegnung der unwahrscheinlichen Art hat die große Märchenerzählerin mit dem Vornamen der antiken Seherin (Sibylle) offenkundig einen Narren, eine Närrin gefressen.

Mit Cassini-Stahl, den die schwäbischen Rotzlöffel einst Blechle nannten, lebt im spätnächtlich frühmorgendlichen Gespräch die längst vergangene Zeit wieder auf, und man will sich in den nächsten Tagen wiedersehen. Doch da ist der Filmproduzent tot. Als Fußgänger zusammengebrochen unweit des Pantheons, während die Dreharbeiten zu seinem „Jud Süß“ noch im Gange sind.

Diesen Süß Oppenheimer posthum aus dem Misskredit des antisemitischen Hetzfilms zu holen und vielleicht in ein imaginäres Pantheon neben Shakespeares Shylock zu stellen, das mag Cassini-Stahls Versuch auch einer persönlichen Befreiung sein: aus den Banden jener Nazi-Stahls und der eigenen Schuld am Tod seines Bruders. Den schob der kleine Montgomery immer im Rollstuhl durch die Schule, durchs Elternhaus – und vielleicht stieß er ihn sogar in den Swimmingpool. Der schwäbische Ich-Erzähler, der den Roman als Recherche und Rekonstruktion des Montgomery-Lebens vorstellt, suggeriert diesen Brudermord mit später Sühne, was dann im Epilog – Besuch bei Montgomerys alter Mutter in Degerloch – nur noch als Hirngespinst erscheint.

So spielt „Montgomery“ auf immer doppeltem, doch auch brüchigem Boden. Nicht nur die Titelfigur bleibt trotz einiger leuchtender Beschreibungen (des Chauffeurs, der Haushälterin) sonderbar schattenhaft. Auch das Milieu der Filmwirtschaft und der Schauspieler, die Szenerie von Cinecittà, in der ausgerechnet das barocke Schwaben auferstehen soll, wirkt leblos und ausgedacht. Nur eine Szene, in der ein begeisterter Pechvogel dem Produzenten einen Koffer voll nie realisierter Drehbuchideen großer Regisseure anbietet, hat etwas vom wunderlichen Witz jener Welt der Träumer, Chargen und Narren, die Federico Fellini einst in seinen Notaten und Skizzen verewigt hat. Sibylle Lewitscharoffs farbige Sprache schneidert viele Kostüme. Darin aber stecken eher Ideen als greifbare Menschen.

Sibylle Lewitscharoff: Montgomery. Roman. DVA, Stuttgart 2003, 352 Seiten, 19,90€.

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