Kultur : Findelkinder

Im Kino: Volker Koepps Dokumentarfilm „Söhne“

Hans-Jörg Rother

Odyssee einer Familie zwischen Deutschland und Polen: Aus vier Paetzold-Söhnen, bei Kriegsende zwischen sechs Jahre und neun Monate alt, sind später fünf geworden. Die Mutter kann darüber nicht mehr sprechen, aber die Söhne Klaus, Wolf, Friedrich, der heute Stanislaw Loskiewicz heißt, Rainer, dessen wahren Namen und Geburtsort niemand kennt, und Joachim Rainer, der als Jerzy Choinacki in Gdánsk aufwuchs, teilen sich den Erzählpart: wie die Mutter im Frühjahr 1945 mit den beiden Ältesten von ihrem Gut in Pomerellen (das damals Westpreußen hieß) vor der Roten Armee nach Süddeutschland floh, sich im Sommer des gleichen Jahres in die alte Heimat durchschlug, Friedrich fand, als angebliche Spionin für acht Monate ins Gefängnis geworfen wurde und Friedrich mit der Pflegemutter dann nicht mehr zu finden war, wie sie den Jüngsten, Rainer, in Gdánsk meinte gefunden zu haben und mit ihm nach zwei Jahren zu Klaus und Wolf zurückkehrte. Da war sie eine andere geworden, sagt Klaus.

Das ist erst der Anfang der Geschichte. Im Hauptteil werden, 15 Jahre später, in Warschau Friedrich und in Gdánsk Rainer vom Kindersuchdienst des Roten Kreuzes identifiziert, und der falsche Sohn, den die Mutter mit dem eigenen Kind verwechselt hat, muss in Heidelberg seine Identität nachweisen. Inzwischen sind aus den fünf jungen Männern längst Väter und Großväter geworden, die eines miteinander verbindet: Sie können hochkonzentriert von sich und ihrer Herkunft erzählen, der in Warschau gebliebene Friedrich mit polnischem Akzent, sie haben es wohl schon oft getan.

Der in Stettin geborene Regisseur („Kalte Heimat“, „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“) wäre nicht der unermüdliche Spurensucher deutscher Beziehungen zum Osten, wenn er aus dieser dramatischen Familiengeschichte nicht Fingerzeige auf die mögliche Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen gewinnen würde. Aus dem polnischen Findelkind wird ein guter Deutscher, aus dem verloren gegangenen deutschen Jungen ein guter Pole, und die Familien aller fünf Söhne sind längst befreundet. Es ist ein Versöhnungsfilm, der das Pochen auf nationale Besonderheiten ad absurdum führt. Beim Festival in Nyon errang „Söhne“ den Hauptpreis. Hans-Jörg Rother

In den Kinos Filmkunst 66, fsk, Hackesche Höfe, Krokodil, Neue Kant Kinos.

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