Kultur : Findet Jacko

Ein Pop-Skandal, wie es noch keinen gab. Und doch erinnert der Fall Michael Jackson an das Drama um das Dichtergenie Oscar Wilde

Rüdiger Schaper

Doch jeder tötet, was er liebt. Oscar Wildes berühmter Vers aus „The Ballad of Reading Goal“ geht einem nicht mehr aus dem Kopf, hat man ihn einmal gelesen, in jugendlichem Alter, wenn man allmählich dahinterkommt, dass der Autor des „Gespensts von Canterville“ nicht nur ein Märchenerzähler war, für minderjährige Schüler im Englischunterricht.

Zwei Jahre litt das Genie in jenem englischen Zuchthaus von Reading, musste Zwangsarbeit verrichten und einmal auch die Exekution eines Mörders miterleben. Das Verbrechen des Dichters: Homosexualität. Nach seiner Entlassung lebte Wilde nicht mehr lange; ein gebrochener, gesundheitlich ruinierter Mann. Im Dezember 1900 starb er verarmt im Pariser Exil, nur 46 Jahre alt. Das Gesetz, das Männerliebe unter Strafe stellte und selbst eine Berühmtheit wie Wilde in den Kerker brachte, fiel erst in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts.

Yet each man kills the thing he loves. Das vielleicht stärkste, sich durch alle Fasern seines Werks und seines öffentlichen Auftretens ziehende Motiv war: Selbstliebe. Die Autoerotik einer Künstlernatur, die nach Schönheit und Reinheit strebt. L’art pour l’art, Ästhetizismus: Es gibt viele Namen für das, was bis heute der verzehrende Versuch ist, eine erotische Gegenwelt zu errichten. Oscar Wilde, der eine Ehefrau und Kinder hatte, fand und suchte jenes Höchste und Sublime in Gestalt junger Männer.

Doch jeder tötet, was er liebt. So dreht sich der Dolch gegen die eigene Brust, und jetzt liest man den Vers plötzlich als Bekenntnis der Selbstzerstörung. Von Reading nach Santa Barbara: Die bombastische Michael-Jackson-Schmieren-Operette scheint das Drama um Wilde als Farce zu wiederholen. Oscar Wilde und Michael Jackson? Der Vergleich mag auf den ersten Blick wild und windig erscheinen. Doch es ist das genuine Wesen des Pop, dass er Remakes produziert. Und dass das Remake stets das Original zu überwuchern und zu banalisieren trachtet.

Was sie eint, ist die unermessliche Selbstliebe, die das Künstlerego als absolute Größe betrachtet, jenseits der bürgerlichen Gesetze, bis hin zur Selbstauflösung, in den Mythos. Wie der Traum von der ewigen Jugend, den Oscar Wilde in seinem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ beschwört, und dem Michael Jackson, der einstige Kinderstar, mit schönheitschirurgischen Orgien und Peter-Pan-Inkarnationen nachjagte. Er ist mit seinen 45 Jahren nicht viel älter, als Wilde war, als dieser vor Gericht stand. Allerdings: Wilde zählte zu den brillantesten Köpfen der anbrechenden Moderne, während man es bei Jackson offensichtlich mit einem schweren Fall von Regression zu tun hat. Und sich auch noch erweisen muss, ob er in seiner geistigen Verfassung überhaupt straffähig wäre. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm wenigstens drei Jahre Haft.

Muss Michael Jackson es nicht, in seiner göttergleichen Verblendung, als Blasphemie empfinden, dass man ihn, einst der erfolgreichste Pop-Artisten aller Zeiten, vor die Schranken eines weltlichen Gerichts zerrt?

Nach Oscar Wildes Verurteilung führten Londoner Prostituierte Freudentänze auf, „zur Feier dieses Triumphes der Heterosexualität“, wie es im Vorwort zu den Prozessakten heißt. Wer würde bei einer Verurteilung Jacksons tanzen? Bei ihm steht man vor dem Dilemma, dass ein möglicherweise bigotter, moralisch geifernder Strafverfolger das Unrecht natürlich nicht kleiner macht – falls Jackson überhaupt schuldig ist. Denn Homosexualität und Pädophilie sind nicht dasselbe. Oder wird Jackson mit seinen hollywoodgeprüften Anwälten und Detektiven die Schlacht um seine Glaubwürdigkeit gewinnen?

„Ein Mensch lässt sich nicht immer nach seinen Handlungen beurteilen. Er mag sich an die Gesetze halten und dennoch unwürdig sein. Er mag die Gesetze brechen und dennoch edel sein“, schrieb Oscar Wilde. Er schrieb es in dem Bewusstsein, dass seine Richter die größeren Sünder sind - und Feiglinge: „Bei jedem Gerichtsprozess geht es ums Leben.“

Soeben ist auf Deutsch zum ersten Mal die vollständige Niederschrift der Wilde-Prozesse erschienen, „Oscar Wilde im Kreuzverhör“ (Blessing Verlag). Merlin Holland, ein Enkel des verfolgten Dichters, hat das Dokument herausgegeben. Und es verschlägt einem den Atem: wie der brillante, stolze Geist vom Kläger zum Angeklagten wird und schließlich zum Freiwild. Ein kleiner, feiner Vorgeschmack auf das Jacko-Tribunal, das jetzt schon, im Vorfeld, das amerikanische Fernsehen zum Glühen bringt. (Irak-Krieg? Bushs Kreuzzug? War da was?) Der „Stern“ spricht in seiner Jacko-Titelgeschichte zu Recht vom „Jahrhundertskandal des Showgeschäfts“, und es ist gleichzeitig nicht übertrieben zu behaupten, dass es kaum je einen größeren literarisch-gesellschaftlichen Skandal gegeben hat als die Affäre Oscar Wilde.

Pop & Sex & Crime. Marvin Gaye, der Soul-Superstar, wurde von seinem eigenen Vater erschossen. Der Hyper-Produzent Phil Spector soll eine Frau ermordet haben. Und die strafrechtliche Auffälligkeit schwarzer Rapper gehört inzwischen zur Tagesordnung. Wie viele Rock-Legenden, von Jimi Hendrix bis Kurt Cobain, wurden zu Legenden, weil sie sich auf die eine oder andere Art selbst ums Leben brachten! Kinder freilich waren da nicht im Spiel.

Michael Jacksons Musik und seine Tänze haben stets eine märchenhafte Aura von Unschuld, Verspieltheit, Unberührbarkeit umgeben, trotz aller Zombie-Koketterie. Elvis, der von Jacko vorübergehend beerbte King – schließlich war Michael Jackson auch mal mit der Prinzessin Lisa-Marie Presley verheiratet – zog sich nach Graceland zurück, wurde immer massiger, zum Fast-Food-Buddha. Michael Jackson hat sich auf der elf Quadratkilometer großen Neverland-Ranch verbarrikadiert, seine Körperlichkeit scheint im Schwinden, die Figur implodiert, als Künstler und als Mensch. Ein Abbild des Horrors, wie die Mutter-Sohn-Verschmelzung in Hitchcocks „Psycho“. Erst hat Jacko der eigene Mythos aufgesogen, nun platzt die mythische Blase, die ihn eigentlich hätte schützen sollen.

Michael Jacksons Show propagierte in ihren besten Zeiten Konformismus – während Oscar Wilde und (aus seinem Geist) so viele andere skandalisierte Rock- und Popexistenzen unserer Zeit mit der Subversion posierten. Do lautete der Kardinalsvorwurf, dem sich Oscar Wilde ausgesetzt sah. Das grausame Drama begann 1895 mit einem Billett des Marquis von Queensberry, der den Künstler beschuldigte, als „Sodomit zu posieren“. Lord Alfred „Bosie“ Douglas, der schöne Sohn des Marquis, war die große, fatale Liebe in Oscar Wildes Leben; wenn man die ganze Tragödie so vereinfachen kann. Für diesen zwanzig Jahre jüngeren Burschen hat Wilde viel gegeben, auch sehr viel Geld. Bosies Vater kämpfte gegen die Familienschande. Wilde ergriff, in Verkennung der gesellschaftlichen Verhältnisse, seinerzeit die Initiative und klagte wegen Verleumdung.

Die Dinge drehten sich sehr schnell gegen den Dichter. Edward Carson, der Anwalt des alten Queensberry, nahm Oscar Wilde vor Gericht mit einer teuflischen Akribie auseinander, während der Dichter und Dramatiker noch lange Zeit überzeugt war, den intelligenten Wadenbeißer und Moralapostel mit seinen unnachahmlichen Sottisen der Lächerlichkeit preisgeben zu können.

Auch Edward Carson hat einen Wiedergänger. Sein Name ist Thomas Sneddon, Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara, Kalifornien. Sneddon leitete – erfolglos – vor zehn Jahren die Untersuchung gegen Michael Jackson, der damals schon im Verdacht stand, sich an Jungen vergangen zu haben. Bekanntlich wurde die Sache damals mit einem schönen Packen Dollars geregelt, den die Familie des Jungen kassierte. Nun hat Sneddon, Vater von neun Kindern, wieder Blut geleckt. Offenbar hat es sich der 63-Jährige zum Lebensziel gesetzt, den längst verblassten Superstar des Pop, den, wie die „New York Times“ berichtet, 200 Millionen Dollar Schulden drücken, der in unzähligen Gesichtsoperationen seine Identität zerstört hat, dem lange schon kein Mega-Hit mehr glückt, endgültig in den Orkus zu stoßen.

Aber: Art und Ausmaß der strafrechtlichen Vorwürfe gegen Jackson sind erheblich. Äußerst schmerzlich. Es gilt aber, zumal bei einem vermeintlich schwerreichen Superstar, dessen Vermögen (und freigebige Art) Begehrlichkeiten weckt, immer noch die Unschuldsvermutung.

Eine große Frage drängt sich auf: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der viktorianischen Gesellschaft Englands und den USA von heute? Die Viktorianer waren eben nicht nur die bizarren Betschwestern und Moralapostel, sondern sie haben auch die industrielle Pornografie erfunden – und das Empire (zu weit) ausgedehnt. Die Briten waren die Vormacht der damaligen Welt.

Vor hundert Jahren ging es in Old Bailey um ein inzwischen überwundenes Tabu, sollte man meinen. Für den kommenden Präsidentschaftswahlkampf fürchten nun aber wieder Republikaner wie Demokraten ein bestimmtes Thema wie der Teufel das Weihwasser: nicht nur den Irak, sondern die Homo-Ehe. Die Vorwürfe gegen Michael Jackson berühren ein anderes Tabu. Das hingegen besteht zu Recht: Sex mit Minderjährigen.

Dabei hat man, zumal in den USA, Kinder und Minderjährige längst als Wirtschaftsfaktor erkannt. Immer unverschämter spricht die Pop-Industrie ein Kinderpublikum an, mit Stars wie Britney Spears, Justin Timberlake, Christina Aguilera. Der Lockstoff ist: Sex. Und beim Geld ist man nicht moralisch.

Michael Jackson war auf diesem Gebiet der unschuldsvollen Anmache der strahlende Pionier. Indem er seine Videos als Märchen inszenierte, trieb er die Infantilisierung des Pop voran. Er stellte schließlich Kinderarmeen auf, um das Böse in der Welt symbolisch zu vertreiben.

Ein Kind geblieben, geht er sich am Ende selbst an die Wäsche. Das ist tragisch. Findet hier die Autonomie und selbgesteuerte Selbstherrlichkeit des Künstlers, die im 19. Jahrhundert begann, ihr Ende? Die Pop-Industrie frisst nicht ihre Kinder, doch sie wechselt die Rattenfänger immer schneller aus.

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