Kultur : Findlinge

FORUM „Mona Lisa“, Doku-Fiction aus China

Christiane Peitz

Manchmal beschlägt sogar die Kameralinse, so schwül ist es in der südchinesischen Provinz Sichuan. Die Kleider kleben am Leib, die Häuser im Dorf stehen auf kahlen Betonfundamenten. Man lebt hier in Schmutz und Schlamm. Das Mädchen Xiu Xiu tanzt für die Marmorfabrik „Mona Lisa“, ein Funkenmariechen vom Lande. Große Plakate werben für schicke Wohnungsausstattungen: ein Hohn angesichts der Bauern, die sich die Tanzshow auf dem Parkplatz ansehen.

Xiu Xius Großmutter hat einen Tumor, die Operation ist teuer. Mit dem Großvater betteln die Kinder im Dorf, in der Scheune steht schon das Holz für den Sarg. „Mona Lisa“ könnte einer dieser Filme sein, die den Zuschauer mit der erdrückenden Wirklichkeit einer fernen Weltgegend konfrontieren. Aber Li Yings Film ist anders, trotz dokumentarischer Handkamera. Der Abspann verrät, dass alle Personen sich selbst spielen. Ein Dokumentarfilm im Gewand eines Spielfilms: ein (wohl auch der Zensur geschuldetes) Changieren zwischen den Genres. So entfaltet der Film des 43-jährigen, in Japan und China arbeitenden Regisseurs – beim Forum war er 2003 mit „Dream Cuisine“ zu Gast – ein stilles Drama, groß wie eine griechische Tragödie von Schuld und Scham, Würde und Vergebung.

„Mona Lisa“ ist eine Reise ins Innere von Chinas Seele. Xiu Xiu soll ihre Stiefmutter zur Oma bringen, das ist der letzte Wunsch der Sterbenden. Aber die Stiefmutter sitzt im Gefängnis, weil sie Xiu Xiu als Kind angeblich entführt hat. Kinderhandel gehört zu den häufigsten Verbrechen in China, gleichzeitig hat die Einkindpolitik dazu geführt, dass vor allem kleine Mädchen ausgesetzt wurden. Ob Xiu Xiu gekidnappt oder fürsorglich von der Straße aufgelesen wurde, erfährt der Zuschauer nicht. Stattdessen begleitet das Filmteam sie auf ihrer Odyssee zum städtischen Frauengefängnis, erlebt die Kälte und die behutsame Annäherung zwischen den Frauen und sitzt mit im Zug, wenn die Polizisten die Inhaftierte auf ihrer langen Reise zur kurzen Heimkehr begleiten.

Es sind keine Schauspieler, es sind echte Reisende und echte chinesische Polizisten, die mit Xiu Xius Säugling spielen. Keine Unmenschen, sondern Frauen und Männer in Uniform, die im Dienst freundlich zu bleiben versuchen. Mit ähnlicher Empathie beobachtet die Kamera den Gefühlswirrwarr zwischen Xiu Xiu und der leiblichen Tochter, die Ächtung der Familie im Dorf – und den Freund mit dem Mofa, der Xiu Xiu trotzdem mag. Die Polizisten nehmen die Handschellen ab, man isst gemeinsam, die Mutter ermahnt den kleinen Sohn, hält Großmutters Hand, gibt der Stieftochter Geld fürs Baby. Kaum auszuhalten: Nach nur wenigen Stunden kehrt die Mutter ins Gefängnis zurück.

Heute 12.30 Uhr (Cubix 7), 16. 2., 20 Uhr (Cinestar 8)

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