Kultur : Finnische Sauna

Isabel Herzfeld

Eine unendliche Geschichte scheint das finnische Dirigentenwunder zu sein: Nach Järvi und Salonen und wie sie alle heißen startet nun Mikko Franck, 22 Jahre jung, zur internationalen Karriere. Sibelius-Interpretationen brachten ihn ins Gespräch, und am Pult der Staatskapelle Berlin kann er beweisen, wie gut ein die weiten Dimensionen des finnischen Nationalkomponisten ausleuchtender Ansatz auch Tschaikowsky tut. Die fünfte Sinfonie, als etwas trivial geltend zum Schattendasein zwischen den beliebten Schwestern Nr. 4 und Nr. 5 verurteilt, erfährt eine umfassende Rehabilitation - nein, keine glanzvolle, dafür sind die Samttöne der Staatskapelle zu wenig heroisch. Melancholisch geht es hier vom ersten gedehnten Klarinettensolo an zu; das "Schicksalsmotiv" als allgegenwärtige Depression. Ein gedehntes, flexibles Tempo dient Franck insgesamt dazu, die Nuancen dieser weiten Seelenlandschaft zu entfalten. Dabei deutet im Konzerthaus zunächst nichts auf ein großes Musikerlebnis hin. Die fast gestaute Langsamkeit, die Tschaikowsky das Recht des unbedingten Gefühls zurückgibt, tut Bartóks frühen "Deux portraits" weniger gut. Das Klavierkonzert von György Ligeti, in seinen asymmetrischen Gestalten zunächst erstaunlich an Bartók anschließend, erhält da schon schärfere Kontur und fasziniert mit seinen funkelnden, engmaschig geknüpften Bewegungsmuster. Seine fulminante, den spektakulären "Etüden" Ligetis nacheifernde Virtuosität verschafft nicht zuletzt dem israelischen Nachwuchssolisten Shai Wosner einen schönen Erfolg.

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