Kultur : Fische aus dem Strom der Zeit

Fotografie ist meine Rettung: Renate von Mangoldts Autorenporträts aus einem halben Jahrhundert.

Richard Pietraß
Eingebungsvoll. Wolfgang Hilbig.
Eingebungsvoll. Wolfgang Hilbig.

Als 1963 das LCB gegründet wurde, begegnete sein spiritus rector Walter Höllerer auf einem Erlanger Studententheaterfestival einer blutjungen Fotografin. Sie hatte Fotos von dem dramatischen Treiben gemacht und ein bestechend schönes von ihm, das sie ihm sandte. Das schicksalhafte Echo war die Einladung zu einem Treffen in München. Wenig später hatte das Haus am Sandwerder eine fest angestellte Fotografin – und sein Direktor eine Ehefrau. Renate von Mangoldt geriet zum Glücksfall einer unaufdringlichen Ausdauer bei der fotografischen Begleitung der Gäste – auch durch ihre nie erlahmende Leselust.

Die gut 500 Aufnahmen von über 300 Schriftstellern, die jetzt der Prachtband „Autoren“ sammelt, werden ergänzt von einem vorangestellten Interview, das die Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe per Mail führte. Fragen und Antworten finden sich organisch verschmolzen, so dass diese Seiten wie ein geschlossener Text anmuten. Ihren an den Schluss gestellten Erinnerungen steht er in nichts nach. Wir erfahren, dass Renate von Mangoldt die meisten Autoren vorfand. So auch bei den Tagungen der Gruppe 47 und den Großveranstaltungen in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Erst Jahre später, bei Wolfgang Koeppen, Karl Krolow oder Elfriede Jelinek, wurde sie selbst aktiv. Trotzdem sieht sie sich nicht als Jägerin, sondern eher als Sammlerin. Die Fotografie, sagt sie, „war die Rettung, sie war der Kompromiss, der mich in die Nähe der Kunst platzierte, ohne die Künstlerin sein zu müssen, zu der ich mich nicht berufen fühlte.“ Sie freute sich, wenn Autoren mit eigenen Einfällen kamen. Lähmend hingegen erlebte sie das Fotografieren bewunderter Autoren. Bei Witold Gombrowicz, W.H. Auden und Samuel Beckett traute sie sich erst gar nicht, um einen Termin zu bitten. Anders in den achtziger Jahren, bei den Ostberlinern Günter de Bruyn und Heiner Müller, Christa Wolf und Stephan Hermlin, Karl Mickel und Christoph Hein, Uwe Kolbe und Bert Papenfuß, die sie aufsuchte wie später Thomas Bernhard im oberösterreichischen Gaspoltshofen oder Peter Handke vor den Toren von Paris: „Was bin ich froh, dass ich bei ihnen gelandet bin, in der Welt der Literatur, die meine ist nach nun fast fünfzig Jahren. Und es bleiben soll, am allerliebsten aber als Leserin!“

Wie sich ein Bild machen von dieser Bilderscheuen, wie umgehen mit diesem Arbeitsweg? Es empfehlen sich mehrere Blättergänge. Der beglückende nach den Gelesenen und Erlebten, der wehmütige nach den Verpassten: Max Frisch als wie Mao Tse-tung in Strudeln schwimmendes Haupt, Walter Höllerer als Springinsfeld, Ingeborg Bachmann im kohlschwarzen Lackleder. Peter Rühmkorf, der in seiner Mansarde einsitzt. Heinrich Böll, im Mundwinkel den Kummer der Welt, Friedrich Dürrenmatt, von einem Glas Wasser verstellt. Lew Kopelew mit dem Tolstoibart, Allen Ginsberg mit den Gebetsriemen seiner Tasche verhakt. Wolfgang Hilbig in seinem düsteren Verzicht, Michael Hamburger mit verschrumpeltem Apfelgesicht.

Unterstützt von dem Dichter Dieter M. Gräf hat sich die Fotografin für Kapitel nach Jahrzehnten entschieden. Das verbaut ihr zwar die Möglichkeit, Charakterfaltenschüben von Einzelnen zu folgen, schenkt ihr aber Querschnitte durch das Lebensgefühl eines halben Jahrhunderts. Großartig die leider nicht komplett enthaltene Serie, die 1966/67 anlässlich der Lesereihe „Ein Gedicht und sein Autor“ entstand. Da bat die Scheue zehn Duette beziehungsweise Terzette zum Termin, und alle kamen: die Franzosen Yves Bonnefoy und Francis Ponge, die Polen Zbigniew Herbert und Tadeusz Rózewicz, die Amerikaner Robert Creeley und Lawrence Ferlinghetti, der Italiener Edoardo Sanguineti, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. Bleibt die Riege der Nobelpreisträger: Elias Canetti und Imre Kertész, Heinrich Böll und Günter Grass, Elfriede Jelinek und Herta Müller.

Wenn Renate von Mangoldt auch die letzte ist, die es darauf angelegt hätte, so ist diese lockere Versammlung doch ein Gütesiegel für den literarischen Ort, dessen vorbildliche Bildzeugin sie ein Halbjahrhundert war. Nach ihrem (West)Berlinbuch „Übern Damm und durch die Dörfer“ ist dies nun ihr Opus magnum, in dem wir uns als Leser und Vorleser begegnen und wiederfinden. Richard Pietraß

Der Autor lebt als Lyriker in Berlin. In der Jenaer Edition Ornament erschienen zuletzt die Naturgedichte „Wandelstern“.

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