Kultur : Fischers Ambiente

Eine

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von Diedrich Diederichsen

Am letzten Donnerstag kurz nach 9 Uhr machte ich mir zum ersten Mal Gedanken über die HalbS-Kurve, die der Scheitel von Ludger Volmer beschreibt. Beim zweiten längeren Zuschauen in der Mittagszeit hatte ein widerspenstiges Büschel die klare Eleganz der Linie zwar unterbrochen. Doch schon nach wenigen Sekunden, in der mir eine ukrainische Straßenszene durch den Kopf ging, war ich wieder ganz bei der Frage: Natur oder Menschenwerk? Hat ein Friseur sich das ausgedacht, eine Mutter, eine verblichene Jugendmode? Oder wachsen die so? Als wär’s ein Stück vom Nürburgring und Volmers Haar der dichte Waldbestand der Eifel. Überhaupt die Eifel. Und die Formel-1-Saison. Geht mit Schumacher neben Fischer und Wojtyla die dritte Konstante der Jahrtausendwende verloren?

Nur Ambient-Fernsehen lässt solch entspannte Verknüpfungen ornamental-unwichtiger Bewusstseinsinhalte zu. Wie hatten wir das vermisst, seit selbst Jürgen Ehmig und Herbert Watterot Straßenrad-Klassiker wie „Lüttich-Bastogne-Lüttich“ durch Interviews auflockern müssen. Jetzt ist es endlich wieder da, dank dieser Dingsbumsaffäre. Die schönsten Momente des Ambient-TV sind lange her. Ich erinnere mich an erhabene Wintersportübertragungen. 50 Kilometer Langlauf. Drei Kameras an der Loipe, keine Werbung, keine Interviews. Alle drei, vier Minuten taucht ein Nordmann mit vereistem Bart auf. Unten im Bild läuft in weißen Lettern sein Name und seine Zeit in unscharfem Kontrast zum weißen Schnee durch das grauweiße Fernsehbild. Das könnte für einen guten 23. Platz reichen. Dann wieder die Ruhe des Rieselns.

Aus dem Arkadien des Ambient-Fernsehens wurden wir nicht erst seit der Einführung des Privatfernsehens unsanft vertrieben. Selbst Biathlon, damals die sicherste Bank psychedelisch ereignisfreier Schulschwänztage, ist heute ein hektischer Eventsport. Aber man darf Ambient-TV nicht mit Tapete oder Loop verwechseln. Fische oder Frauen, die sich in Aquarien aalen, gehören nicht dazu. Ähnliches gilt für Pornos und Museumsbahnen. Hier wird Männern, die nur das Eine wollen, halt das Eine gezeigt, z.B. eine Dampflok, die in Ostdeutschland immer noch den Dienst tut, den sie schon unter dem letzten König von Württemberg an der Geislinger Steige getan hat.

Im Ambient-Fernsehen muss es schon eine Handlung geben. Ereignisse von sehr geringer Bedeutung und gegen Null tendierender Attraktivität müssen sich langsam entfalten. Man nimmt nicht die Form in Kauf, weil einen die Sache interessiert, sondern man fragt sich, wie dieser Volmer diesen Banalitätshorror erträgt, weil einen die Form fasziniert – wie bei Marthaler oder La Monte Young. Wer sieht nicht gerne Balkonpflanzen beim Wachsen zu? Das Glück des Ambient-Fernsehens liegt im Eros des Vegetativen. Nieder mit dem barbarischen Zeitmanagement des Erzählens, nur sehr hohe und sehr niedrige Geschwindigkeit entsprechen dem Lebensgefühl des 21.Jahrhunderts: Aushalten oder Flüchten. Es steht zu befürchten, dass Fischer dieses schöne Genre heute mit heldischen Monologen ruinieren wird.

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