Kultur : Fischers militante Vergangenheit: Marx verzeiht ihm

Ein Minster hat sich früher mit Polizisten geprügelt, in seiner Jugend, vor 28 Jahren. Er gibt das zu und hat es nie verheimlicht. Er war zornig, und, wie tausende anderer Demonstranten, mit der damals übereifrigen Polizei eines sehr aufgewühlten Landes konfrontiert. Dass er heute zurücktreten soll, dass man den jungen Fischer mit rassistischen Skinheads auf eine Stufe stellt ist absurd. Die jetzige Debatte aber bietet Stoff für parteipolitische Nutznießer. Und mit ihr stellt sich die Frage nach unserem zeitgeschichtlichen Bewusstsein.

Ob wir, wenn er in Not wäre, einem Terroristen Asyl geben würden - solche Dinge haben wir ziemlich hypothetisch diskutiert, am Tisch der Wohngemeinschaft, in den Siebzigern, wie man in vielen Wohngemeinschaften oder besetzten Häusern diskutierte. Terroristen waren zwar Outlaws, aber sie hatten etwas Heroisch-Verzweifeltes, sie traten an gegen "das System". Gemeint war damit weniger die Logik des Kapitals, als vielmehr eine Grundüberzeugung, dass etwas Grundsätzliches nicht stimmte, im Staate Deutschland.

Wir waren nicht einmal eine ganze Generation von der totalen Herrschaft des Unrechts entfernt geboren. Leuten wie Globke oder Filbinger war der Weg in die Politik geebnet worden, die Profiteure von Zwangsarbeit sassen nach kurzer Haft wieder in ihren Chefsesseln. Unrecht galt nicht mehr als Staatsdoktrin, wie im Dritten Reich, aber ohne Zweifel war "alles falsch". Kalter Krieg herrschte. Und das Wort "Wiedergutmachung" klang abstoßend. Es gibt kein Wieder-gut-machen dessen, was die Erzählungen und Bilder aus dem Nationalsozialismus zeigten.

Geschichte wird durch die Gegenwart gelesen, und umgekehrt. Bei vielen Straßenkämpfen um die "Dritte Welt", um Schahbesuch, Vietnamkrieg, und später um Häuserabrisse, Flugpistenbau und Atommeiler mischten sich die Schlachtgesänge zu einem historisch polyphonen Chor. Die "Internationale" passte noch zu den "Moorsoldaten". Bald wurde sie flankiert von Bauernkriegs-Balladen, dem Grundpazifismus von "Give Peace a Chance", der kindlichen Trotzigkeit von "Keine Macht für Niemand" oder dem albernen Endlos-Song mit Zeilen wie: "Was sollen wir trinken, sieben Tage lang? Was sollen wir trinken, wir haben Durst."

Sozialistische, anarchische, staatsfeindliche Motivbündel bezogen ihre Energie - auch, fast immer - aus einer Fassungslosigkeit über das Geschehene, aus einer Art nachträglichem Widerstand. Aber wie hätte es anders sein können? In die Aktionen und Demonstrationen mischte sich auch das Gefühl, gegen die Ohnmacht angesichts der Vergangenheit, die eine fantasierte Ohnmacht angesichts der Gegenwart wurde, das Recht auf aktiven, sogar gewalttätigen Widerstand reklamieren zu dürfen ("Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!"). Dass man es nicht mit Nazi-Deutschland zu tun hatten, sondern mit dessen, von den Allierten ja noch mitkontrollierten, Demokratie lernenden Nachfolgestaat, erschien zweitrangig und verlogen.

Solche Emotionen gehörten zu einem Protest, der so radikal "gegen alles" war, dass man sich manchmal wunderte, Besitzer eines Passes zu sein, Redefreiheit und Meinungsfreiheit zu haben. Denn der Grund für die Fassungslosigkeit und den Zorn hörte nicht auf zu existieren. Aber Fassung gewannen dann doch allmählich alle, sofern sie begannen, die Fäden ihrer Motive zu entwirren. Als viele alte Nazis starben, als die bundesdeutsche Bevölkerung allmählich eine Vorstellung der Spielregeln von Demokratie erwarb, arrangierten die analytischsten, sortiertesten Köpfe sich nach und nach mit der Gegenwart. Sie verstanden, dass es die Chance gab, durch Argumente zu überzeugen, nicht durch Gewalt. Parlament kommt von "parlare", das heißt sprechen. Sprechen und Zuhören, Widersprechen und Weitersprechen ist das Gegenteil von Gewalt.

Es gründete sich die Partei der "Grünen". Der Taxifahrer, der einst Steine warf, wurde ihr Mitglied, ist heute Außenminister und posiert im Dienstzimmer unter dem Warhol-Portrait von Willy Brandt. Auch der nun fast fünfzigjährige Polizist Rainer Marx, mit dem sich der jugendliche Demonstrant damals in hitziger Rangelei befand, sagt den Presseagenturen jetzt schlicht: "Was er so in der Politik geleistet hat, da sollte man ihm schon verzeihen". Der Minister seinerseits hat sich entschuldigt. Er habe bereits 1977 erkannt, dass Gewalt ein "schwerer Fehler und großer Irrtum" gewesen sei.

Eine Gefahr für die Demokratie ist die Vergangenheit des Ministers nicht. Im Gegenteil. Sie zeigt, bei allen von Fischer eingeräumten Irrtümern, jemanden, der politisches Gefühl für Gerechtigkeit hatte und hat. Gefährlich, wie bei allen Politikern, kann heute ja vor allem sein: Der Amtsnarzissmus, der einfach Eitelkeit heißt.

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