Kultur : Fitness-Studio

VOLKER LÜKE

Es dauert lange, bis der rote Samtvorhang sich öffnet, um den Blick freizugeben auf eine Video-Leinwand, die vorgibt, ein Buch zu sein - ein Märchenbuch mit dem Titel "The Velvet Rope" - und das von einer verwunschenen Figur in Frack und Zylinder geöffnet wird, während es aus den Boxen zu grummeln beginnt.Dann geht die Video-Tunnelfahrt los, bis sich der Bildschirm nach hinten verschiebt, die Kapelle sichtbar wird und eine Schar durchtrainierter Tänzer die Treppen hinuntersteigt, mittendrin Janet Jackson, Michaels kleine Schwester.Mit ihrem aktuellen Album "The Velvet Rope" hat sie sich zum 31jährigen Popstar gemausert, einer Mischung aus Michael und Madonna.Dabei ist Janet Musik eigentlich gar nicht so wichtig.Musik "machen" ist es, worum es ihr geht.Mit ihrem Organ in der Gegend herumzukrähen, das macht ihr Freude, dazu über die Bretter hüpfen und tolle Videos produzieren - eine musikalische Sendung darüber hinaus hat sie eigentlich nicht.Und auch die Themen ihrer Lieder, präziser: das eine Thema - Liebe/Sexualität als Sinnbild des Einklangs mit sich und der Welt - läßt an dramatischem Aufbegehren kaum mehr als einen versonnenen Seufzer zu.Auf der Bühne wird der Spaß umgesetzt als Tanztheater oder Musical, eine Art "Janet im Wunderland", mit bunten Kulissen und einer ausgefuchsten Choreographie, wobei sich Janet ein paar Details ihres Bruders abgeguckt hat, wie den berühmten Griff zwischen die Beine.

Das Velodrom ist seit langem ausverkauft, gefüllt mit jungen Mädchen, die auf ihrem Weg in die Glamour-Welt schwitzender Showgirls eine starke Freundin suchen, wogegen nun wirklich nichts einzuwenden ist; während der große Rest des Publikums aus Besuchern zu bestehen scheint, die nur noch für den Musiksender "Viva" leben und deren Musikgeschmack im wesentlichen von dem geprägt wird, was in Fußgängerzonen, Modeshops und Fitness-Studios im Hintergrund läuft.Für ein solches Publikum muß man hart arbeiten.Die Bühnentechniker und Kameraleute sind damit ausgelastet, das Ereignis zum live-haftigen Video-Clip werden lassen, die Tänzer absolvieren ihre Turnübungen in wechselnden Kostümen, und die Musiker füllen den Saal mit dröhnendem Lärm, während Janet als "feuchter Tornado" über die Bretter fegt und nun - endlich - mit einem beherzten Ruck die weiße Bluse öffnet, als Ritual, hin zum essentiellen seidenen Fetzen, dem schwarzen BH.Da kommt Freude auf, und selbige steigt noch, als ein Fan aus dem Publikum auf die Bühne gezogen wird und sich freiwillig auf einen Stuhl gurten läßt, obwohl er sich doch niemals sträuben würde, von Janet berührt zu werden.Liebevoll wird er zu den Klängen von "Rope Burn" über die Wange gestreichelt und einer eindeutigen Fesselinszenierung ausgesetzt.Dürfen Minderjährige dabei zuschauen? Hier mutiert Janet Jackson endgültig zu einer Arabella Kiesbauer des Pop.Applaus.

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