Kultur : Fix und Fax

Bernhard Schulz wundert sich wieder einmal über den Kulturrat

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Dass es – wie der Bundestag will – bald ein Ende mit der öffentlich subventionierten Faxwut des in Berlin residierenden Deutschen Kulturrates haben wird, muss über die wehrlosen Empfänger dieser Mitteilungen hinaus niemanden bekümmern. Der (beinahe) neueste Rundbrief von Geschäftsführer Olaf Zimmermann jedoch spricht ein derzeit allgemein interessierendes Problem an: die weitgehende Freigabe der Ladenöffnungszeiten in Berlin. Zimmermann sieht darin einen „Angriff auf unsere Kultur“. Und das nicht nur, weil „der gesellschaftliche Rhythmus von Arbeitszeit und Freizeit“ außer Takt geriete – als ob wir noch in den fünfziger Jahren lebten, da sich das Leben nach der Stechuhr von Firmen und Fabriken richtete. Nein, „auch der Besuch von kulturellen Ereignissen findet hauptsächlich im Freizeittakt statt“. Und Freizeit, da ist sich Kulturwerker Zimmermann sicher, liegt nun einmal in dem Bereich, den man früher allemal mit einem dröhnenden „Feierabend!“ einzuleiten pflegte.

Der Mann dürfte derlei Anschauung nicht gerade in Berlin gewinnen. Schließlich ist Freizeit in der Metropole zu einem höchst individuellen Verfügungszeitraum geworden. Und ausgerechnet, wie Zimmermann es tut, ein Kulturkaufhaus anzugreifen, das den Vorreiter der Berliner Ladenschlussbeseitigung machte, gibt seinem Lamento eine geradezu absurde Note. Immerhin werden dort Bücher und Musik gehandelt. Sind nicht gerade Leser und Hörer in bemerkenswertem Ausmaß Menschen, die die Nacht zum Tage machen – und urplötzlich das Bedürfnis verspüren, Aischylos’ „Perser“ oder Mozarts „Idomeneo“ zu erwerben, womöglich gleich nach dem Erlebnis auf der Bühne, das Zimmermann durch die neue Shopping-Freiheit gefährdet sieht?

„Samstags gehört Vati mir“, forderte einst der DGB. Das waren noch Zeiten! Heute könnte der Sohnemann, der 1956 auf dem legendären 1.-Mai-Plakat fordernd den Finger hebt, Kultur erwerben und erleben, wann immer es ihm passt. Aus dem Takt gerät dabei – allenfalls der Herr der Kulturratsfaxe.

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