Kultur : Flagge zeigen

Die Kieler Kunsthalle widmet sich dem Accessoire

Günter Beyer

999 türkische Fahnentücher bedecken die Fassade der Kunsthalle Kiel. Ein leuchtend rotes Fahnenmeer. Schöpfer der Installation „Influenza“ ist der Schriftsteller, Drehbuchautor und Künstler Feridun Zaimoglu, Jahrgang 1964, in der Türkei geboren und heute in Kiel zu Hause. Anregen ließ er sich durch die Unmengen türkischer Fahnen, die Fußballfans nach dem Sieg im Stadion aufspannen. Die Nationalfahne wird zum Nationalaccessoire. Zaimoglu, Erfinder der „Kanak Sprak“, hat auch den zungenbrecherischen Ausstellungstitel „Accessoiremaximalismus“ geprägt.

Zubehör drückt Zugehörigkeit aus: Fußballfans kleiden sich in den Vereinsfarben. Markenschuhe spalten Grundschüler in Adidas- und Nike-Anhänger. Im Video „Mädchensache“ zeigt Pia Lanzinger, dass die banalsten Dinge zu Identitätsstiftung taugen, Die Münchner Künstlerin wollte von Kieler Mädchen wissen, welcher Gegenstand in ihrem Leben eine wichtige Rolle spiele. Genannt wurden Mobiltelefon, Piercing, Basketball und Teddybär. Swetlana Heger dagegen setzt sich selbst hoch zu Ross oder auf dem Fahrrad als Markenartikel in Szene. Der Fotograf Peter Loewy hat sich bei Ignatz Bubis, Michel Friedmann und Daniel Cohn-Bendit nach „typisch jüdischen“ Accessoires umgesehen. Siebenarmige Leuchter oder eine Kippa erscheinen als selbstverständliche Utensilien eines jüdischen Haushalts.

Problematisch dagegen, dass in Kiel Architektur und Städtebau zum Accessoire herabgestuft werden. Der Fotograf Jakob Kolding durchstreifte Kiels Arbeiterviertel und schuf eine Montage mit Fotos und Textblöcken; die Collage soll als Plakat verklebt werden.

Zaimoglus Kunsthallen-Verschleierung hat für heftige Reaktionen gesorgt. Während türkische Jugendliche sich stolz vor der Fassade fotografierten, beschwerten sich konservative Türken über die Verhöhnung ihres Emblems. Einige Deutsche witterten Überfremdung, der Künstler bekam zu hören: „Diese Fahnen gehören verbrannt!“ (bis 9. November, Katalog 12 Euro)

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