Kultur : Flagge zeigen

Robbie Williams weltmeistert im Berliner Olympiastadion

Esther Kogelboom

19:11 Uhr. Normalerweise zieht es im Olympiastadion. Heute ist es, als sei eine geschlossene Decke oben drauf – kein Lüftchen regt sich. Vielleicht haben sich die beiden Ladys von Basement Jaxx, der Vorgruppe, deshalb in zehn Minuten drei Mal umgezogen.

19:17 Uhr. Der Schlagzeuger hat seine Pilotenbrille abgesetzt. Die Ladys haben sich zum vierten Mal umgezogen.

19:45 Uhr. Basement Jaxx machen Schluss. Erste La-Ola-Wellen durchziehen Teile des nicht ausverkauften Olympiastadions. Auf den Rängen klaffen teils größere, teils kleinere Löcher.

19:59 Uhr. Analytischer Blick auf die Bühne. Es gibt den Robbie-Williams-typischen, schlangenförmigen Catwalk ins Publikum. Der Rest erinnert an eine Mischung aus Ostsee-Kurmuschel und überdimensionaler Jahrmarkt-Attraktion.

20:09 Uhr. Aus den Boxen dröhnt Nirvana. Hätte Kurt Cobain das gewollt?

20:16 Uhr. Ein weiterer Untoter der Rockgeschichte erscheint: Freddy Mercury. Sieht sich Mr. Williams am Ende in dieser Liga angekommen? Will er sterben, um für immer zu leben? Früher hat er mal gesagt: „Um ein Star zu werden, würde ich sogar nackt den Eiffelturm hochklettern und mir auf den Rücken schreiben: Vögel, scheißt auf mich!“

20:30 Uhr. Es geht los. Feuerwerk in rosa und weiß. Richtiges Feuer. Da ist er. Wird aus den Katakomben hochgefahren. Höllenlärm. Erster Song: „Radio“. Trägt Jeans, einen Gehrock und petrolfarbenes Halstuch. Hat im Gesicht etwas zugenommen, vor allem am Kinn.

20:36 Uhr: „Rock DJ“, sein schlechtestes Lied. Er sagt: „Let’s have a party.”

20:41 Uhr: Robbie Williams nimmt einen Schluck Wasser und steckt sich die Flasche zwischen die Beine: „Alles gut?“ – „Trippin’“. Der Gehrock fliegt weg. Hat auch am Körper etwas zugenommen, vor allem im Hüftbereich. Sein Blick erinnert an „Einer flog übers Kuckucksnest“ (vor der Medikamentenausgabe).

20:47 Uhr. „Ich liebe motherfucking Euch. I see some empty seats – this must be because of Zinedine Zidane …“

20:49 Uhr. Williams stimmt einen „Deutschland“-Chor an. Wahrscheinlich, weil er bei der Wahl zum britischen Helden 2006 nur auf Platz Sieben kam – David Beckham liegt (deutlich?) vor ihm.

20:53 Uhr. Er lässt das Publikum „Berlin“, „Deutschland“ und „Klinsmann“ skandieren. „Fucking Klinsmann is class by the way.“ Tja, eigentlich ist die Weltmeisterschaft ja vorbei.

20:57 Uhr. Williams küsst das erste Mädchen aus dem Publikum. Sie sieht cooler aus als er.

20:58 Uhr. Das T-Shirt ist ihm über die linke Schulter gerutscht wie einst Madonna. Er erwähnt das letzte Konzert in Italien. Pfeifkonzert. „It’s nice to be in Berlin this evening. Look at the stadium, it’s you!“ Auf seinem T-Shirt durchkreuzen sich sechs Indianerpfeile.

21:07 Uhr. „Alles fit im Schritt over there? I’ve been coming to Berlin now for 15 years, but I still don’t know what that means.“ Er will später im Hotel fragen.

21:14 Uhr. Ein Kollege aus seiner Swing-Phase betritt die Bühne. Auf einmal erklingt „Me and my Shadow“ von Frank Sinatra. Das Publikum ist verstört.

21:18 Uhr. A-Capella-Version von „Stayin’ alive“. Von Frank Sinatra zu John Travolta in 20 Sekunden. Williams konnte ja auch schon mit drei Jahren Margaret Thatcher imitieren.

21:20 Uhr. Der Swing-Kollege und Williams schießen kleine Fußbälle in die Menge. „Don’t fight for the ball. Love and Peace, Brothers and Sisters“. BrightonSchüleraustausch-Atmosphäre. Bis jetzt ist bei diesem Konzert eindeutig mehr gequatscht worden als gesungen.

21:26 Uhr. Über die Video-Leinwand läuft Karaoke-Text. „You think that I’m strong, you’re wrong, you’re wrong“. Williams singt mit.

21:31 Uhr. Robbie Williams raucht eine Zigarette, während er den Busen einer Blondine fragt: „Do you remember Take That? I was the best one in the group!“ Dann singt er ein paar alte Schlager an.

21:43 Uhr. „Back for good“, ein alter Take-That-Schmachtfetzen. Er sitzt dabei auf einem Barhocker. Der 32-jährige Williams imitiert den 19-jährigen Robbie. Bläuliches Licht liegt über dem Stadion. Es ist fast dunkel.

21:39 Uhr. Hilfe, er intoniert „Are you lonesome tonight?“ Ach so, nur um „Advertising Space“ anzukündigen. Ein Song wie ein Bananenpfannkuchen mit Erdnussbutter. Liegt schwer im Magen.

21:44 Uhr. Jubel. „Deutschland, tonight I’m yours!“ Die Fußball-Phase scheint vorbei zu sein, jetzt wird’s romantisch.

21:48 Uhr. Doch nicht: Williams küsst eine Deutschland-Flagge. „Come undone“. Wie hatte er gesagt? „Wahrscheinlich wird die Tour meiner Seele wehtun, aber wenn ich Schmerzen habe, spüre ich wenigstens, dass ich lebendig bin.“

21:51 Uhr. Er zitiert Lou Reeds „Walk on the wild side“ und Bob Marleys „Everything’s gonna be allright“. Feuerwerk. Er trocknet mit der Deutschlandflagge sein Mikrofon ab.

21:54 Uhr. „Feel“. Das Stadion ist rot geworden. Zum ersten Mal richtiger Jubel. Williams verzieht sich hinter der Bühne. Nach genau 90 Minuten.

22:03 Uhr. Verlängerung. Er hat sich in einen weißen Adidas-Anzug geworfen, der vermutlich aus dem Geschäft in der Münzstraße stammt.

22:08 Uhr. Premiere: Der Star rappt sich durch „Rudebox“, die neue Single, die am 4. September als Vorbote des neuen Albums „1974“ erscheint. Es ist Dance. Das Olympiastadion steht stramm. Es klingt eher nach 1984 als nach 1974. Sehr alte Schule.

22:14 Uhr. Irritierter Applaus. Zum Ausgleich gibt es den Smashhit „Angels“. Ist das noch derselbe Mann? Das Antidepressivum Effexor, die drei Schachteln Silk Cut Purple am Tag und das extensive Scrabble spielen haben ihre Spuren im Gesicht des Arbeiterjungen aus Stoke-On-Trent hinterlassen.

22:19 Uhr. „Ich bin ein Berliner!“

22:20 Uhr. „Kids“ – leider ohne Kylie Minogue. Glamourös.

22:26 Uhr. „Deutschland! I really love this place. I’m not just saying this because of the show! You always buy my tickets! Danke schön, my friends!“

Noch einmal heute um 18 Uhr im Berliner Olympiastadion. Restkarten an der Abendkasse

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