Kultur : Flamme des Herzens

Das Brühler Max Ernst Museum öffnet seine Pforten

Christina Tilmann

Er war ein guter Schüler, keine Frage. Überall „gut“ im Reifeprüfungszeugnis von 1910. Nur in der Disziplin „Zeichnen“ steht „hat nicht teilgenommen.“ Das konnte er schon längst, Schmierzettel belegen es. Ein glücklicher Schüler war er wohl trotzdem nicht. „Die Schwierigkeiten begannen in Vaterhaus, Schule und Gymnasium, als sich im Hirn des Knaben der Glaube einwurzelte, er sei in die Welt gekommen, um zu malen“, schreibt Max Ernst rückblickend über seine Jugend in Brühl bei Köln. Und bekennt, wie froh er war, Deutschland und dem Geist des Wilhelminismus mit der Flucht nach Paris endlich den Rücken kehren zu können.

Seine Schulerinnerungen hat er nicht vergessen. Ein „Lehrerkollegium einer Schule für Totschläger“ bewacht nun den Eingang zum neuen Max Ernst Museum, das Anfang September in der Geburtsstadt des großen Surrealisten eröffnet wurde – in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs und des zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Barockschlosses Augustusburg. Der „Brühler Pavillon“, ein weiß leuchtendes klassizistisches Gebäude, einst Vergnügungslokal, später Altenheim, Kindergarten und zuletzt Asylantenheim, wurde vom Kölner Architektenbüro Thomas van den Valentyn für 14 Millionen Euro restauriert und mit einem fliegend leichten, eleganten Eingangspavillon versehen: eine weiße Kastenarchitektur aus schwebenden Wänden, Glas und Luft, davor eine weite Granitplattform mit der besagten Skulpturengruppe.

Drei Bronzestatuen, die Zunge herausfordernd herausgestreckt, begrüßen hier den Besucher. Ein spöttischer KunstKommentar auf das Verhältnis zwischen der Stadt und ihrem großen Sohn, das nie ganz entspannt war – bis heute nicht, wie die letzten Querelen um das neue Museum belegen, dessen Direktorin Bettina Mette im Frühjahr fristlos gekündigt wurde. Über die Gründe rätselt die Kölner Szene noch heute. Doch auch Max Ernst selbst hatte seine Kämpfe mit seiner Geburtsstadt. Immerhin wurde dem 1922 nach Paris Entflohenen 1951 eine große Ausstellung im damals noch kriegszerstörten Schloss Augustusburg ausgerichtet, die mangels Besuchern jedoch mit einem skandalösen Defizit von 30000 Mark schloss. Daraufhin verkaufte die Stadt ein Gemälde, das der Künstler ihr zuvor geschenkt hatte – und Max Ernst war so erbost, dass er noch fünfzehn Jahre später die Verleihung der Ehrenbürgerwürde ablehnte.

Nun ist die „Geburt der Komödie“, so der Titel des besagten Gemäldes, zurückgekehrt – als Leihgabe des wenige Bahnminuten entfernten Kölner Museums Ludwig. Werner Spies, Nestor der Max-Ernst-Forschung und Spiritus Rector des neuen Museums, hat es sich für seine Eröffnungsausstellung erbeten – gemeinsam mit rund 50 Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen. Gemeinsam mit den 60 Skulpturen, die die Kreissparkasse Köln als Dauerleihgabe bereitstellt, und einer reichen Auswahl aus Max Ernsts grafischem Werk, das aus der Sammlung Schneppenheim stammt, ist so ein breiter Überblick über das gesamte Oeuvre entstanden: die ersten Anfänge in Brühl, wo der Schüler Max Ernst sich und die Landschaften der Umgebung altmeisterlich porträtiert, um dann in Schülerzeitungen schon seiner flinken Feder und seinem Witz freien Lauf zu lassen. Dann die Zeit in Frankreich bis 1941, als der als Deutscher internierte Künstler die Flucht über Lissabon nach New York gelingt. Sein Reisepass und das Flugticket zeugen davon.

Höhepunkt der USA-Abteilung (1941 bis 1949) sind sicherlich die erstmals in dieser Vollständigkeit gezeigten D-Paintings. Jahr für Jahr hatte Max Ernst seiner vierten Frau, der heute 95-jährigen amerikanischen Malerin Dorothea Tanning, zum Geburtstag ein Bild gemalt, jeweils versehen mit einem großen D und der Jahreszahl. Es sind 36 Landschaften der Liebe, Traumbilder der Nacht, Vogel- und Naturvisionen, ein gewaltiger, gleichwohl intimer Überblick über das Gesamtwerk, mal düsterer, mal heiterer, von einem unerschöpflichen Formenreichtum. Dorothea Tanning hat das Konvolut erst im vergangenen Jahr der Kreisparkasse Köln überlassen. Und sie hat, in einem Bild von 1947, den Maler und Geliebten selbst porträtiert: als Reisenden in einem blauen Boot, die Augen mindestens ebenso blau leuchtend, auf dem Kopf weißblondes Haar und in den Händen eine Flamme. Sie lodert noch heute, in seinem Werk.

Max Ernst Museum Brühl, Comesstr. 42, Di bis So 11 bis 18 Uhr. Eröffnungsausstellung bis 5. März 2006. Kurzführer (Prestel Verlag) 8,95 Euro. Infos unter www.maxernstmuseum.de

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