Kultur : Flammen vor dem Kanapee

SYBILL MAHLKE

Alle wollen auf den Grünen Hügel, würden gern Gralshüter im Festspielhaus sein. Aber da trägt einer die Krone, der von seinem höchsten Heiligtum nicht lassen kann und als Herausgeber des offiziellen "Festspielbuchs 1999" wiederholt, was landesweit Feuilletonstoff dieser Sommertage war: "In Zeiten, die erst allerjüngst die Bayreuther Festspiele in finanzieller Hinsicht gefährden können, wäre es von mir sowohl töricht als auch verantwortungslos, ohne Not meinen Platz zu räumen. Die Pläne, Zuschüsse von der Seite der Bundesrepublik empfindlich zu kürzen, sind noch lange nicht vom Tisch." Es scheint, als käme der unkluge Beschluß der Bundesregierung, Bayreuth eine halbe Million zu streichen, dem 79jährigen Festspielregenten Wolfgang Wagner als Zeichen seiner Unverzichtbarkeit entgegen. Bei der Auffahrt der Gäste steht die Junge Union Bayern mit Flugblättern parat und macht sich ihre oberfränkischen Reime. Im Freistaat darf der Wagner-Enkel auf die Neigung derer bauen, die sich ihr Haus-Festival nicht kaputtmachen lassen wollen, begreiflicherweise, obwohl es aus überregionaler Sicht dringend eines Anstoßes bedürfte, "um neu zu stärken seine Wunderkraft".Einer, der den Gral zu hassen beginnt, weil er sich mit seiner Liebe als "voller ganzer warmempfindender Mensch", wie Richard Wagner sagt, nicht vereinigen läßt, ist der Titelheld im neuen Bayreuther "Lohengrin". Der Londoner Regisseur Keith Warner spekuliert sogar damit, daß dieser Schwanenritter auf den Gral verzichten könnte, um Elsa von Brabant anzugehören. Auf Vorschlag des Dirigenten Antonio Pappano hat Warner die Inszenierung nach der Absage Willy Deckers relativ kurzfristig übernommen und überrascht damit, die ohnehin ausgereizte Sichtweise auf "Lohengrin" um frische Aspekte zu bereichern. Ortrud, in Wagners Oper Intrigantin und zugleich Repräsentantin des sterbenden Heidentums, zieht zwar Kreis um Kreise und stellt wunderbare Flammen auf vor ihrem Kanapee, aber sie ist mit Elsa verbunden wie deren schwarzes Spiegelbild: Als liebende Frau.Die szenischen Korrespondenzen, die Warner herstellt zwischen den Paaren ElsaLohengrin und Ortrud-Telramund, heben die Werteskala von gut zu böse auf. Dem Kampf der Männer im ersten Akt entspricht der Streit der Frauen vor dem Münster. Lohengrin ist schwach wie Telramund, Elsa und Ortrud sind die Stärkeren, die ihre Partner dirigieren mit Erotik und Leidenschaft, die zusammenhocken wie zwei eifersüchtige Freundinnen, wenn sie im Duett über Hochmut, Glück und Reue nachdenken. Während die "wilde Seherin" das Feuer lodern läßt, zieht es die Jungfrau zu einem Quell, der mit dem Schwan und dem Wunder zu tun hat. Vor blutrotem Himmel streben die Arme der Frauen in der Unendlichkeit zueinander. Nachdem Elsa in Anwesenheit Ortruds die zwingend notwendige, verbotene Frage nach der Herkunft Lohengrins gestellt hat, ist für beide Frauen gleichzeitig "all unser Glück dahin". Denn den Schwanenritter ruft der Gral, wohin er sichtlich nicht mehr will, wie sein Grauen vor der Gralserzählung bekundet, und Telramund ist tot, erschlagen. Den Kontrahentinnen bleibt gemeinsame Trauer. In Schieflage gerät das Brautgemach, und das Wasser, Elsas Element, von dem es schützend umgeben war, fließt in einen Krater.Das Vorspiel gibt optische Rätsel auf, so daß sich überhören läßt, wie Antonio Pappano und das Festspielorchester erst allmählich Tritt fassen - vielleicht der berühmten Akustik wegen. Dramatik, feine Begleitung und Bläsersoli stellen sich dann ein. Der Bühnenbildner Stefanos Lazaridis wendet sich vom Schubfach-Design seiner Münchner "Katja Kabanova" wieder ab und zeigt karstiges Gelände mit verschiedenen Spielpodien. Da eine Lichtscheibe den Gral repräsentiert, kann der Regisseur in vorauseilender Aktualität der erwarteten Sonnenfinsternis mit einer Gralsfinsternis aufwarten, wo die Katastrophe der "Lohengrin"Handlung sich schon im zweiten Akt als unausweichlich aufdrängt.Viel Dunkelheit der Tragödie schließt Spannung nicht aus. Die Heerscharen aus Sachsen und Thüringen sind in mehreren Etagen über dem Hochparterre gestapelt, bewaffnet wie mit Beispielen aus einem riesigen historischen Rüstungsmuseum. Für diese und die zivileren Kostüme der Brabanter, die am Boden der Bühne agieren, ist Sue Blane vom Berliner "Glöckner" zum Bayreuther "Lohengrin" geeilt. Die Qualität der Chöre trägt den Namen Norbert Balatsch.Keith Warner inszeniert den "Lohengrin", der uns sonst gern statuarisch begegnet, als eine Erregung. Ihre Vitalität tut der Aufführung gut. Ein alter König mit goldener Krone wäscht seine Hände in Unschuld, bevor er zum Gebet vor dem Gotteskampf aufruft. Der ekstatische Greis fordert Krieg "für deutsches Land" und tritt am Ende ab wie ein trauriger kleiner König Lear. Vitaler, als John Tomlinson sie gestaltet, ist die Rolle nicht vorstellbar, und daß er dabei an die Grenzen seiner Stimme geht, gehört dazu. Ein vehementer Eindruck. Als smarter Regierungssprecher mit lyrischer Überredung paßt Roman Trekel neben diese Figur und übertrifft als Heerrufer noch seine Berliner Leistung. Melanie Dieners Elsa klingt wunderschön, steigert sich aber nicht, um in der Brautgemachs-Szene musikalisch zu dominieren. Roland Wagenführer, ein eher lyrischer als heldischer Lohengrin, zeigt sich von der Partie noch streckenweise überfordert, während das Intrigantenpaar mit Gabriele Schnaut und Jean-Philippe Lafont sehr imposant besetzt ist.Naturalistische und archaische Ebenen begegnen einander, Rituale um Schleier und Schwert, Magie und aufgeregtes Erleben. Warner arbeitet als ein Theaterzauberer, dem erlaubt ist, was gefällt. Es gibt überlebensgroße Schattenrisse der Darsteller, Trockeneisnebel, ein Fußbad Elsas im Teich. Wände verschwinden, Wege finden sich. Alles in allem ist der "Lohengrin" unter Keith Warner und Antonio Pappano kurzweilig, aber naturgemäß kein Signal einer neuen Bayreuther Dramaturgie.

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