Kultur : Flaschen im Schrank

KUNST

Petra Schröck

Auf den ersten Blick gleicht der Ausstellungsraum der Neuen Nationalgalerie in Berlin einer Wunderkammer: Allerlei prachtvoll schimmerndes Glas, Kelche, Becher, Schalen und Gefäße in zart changierenden Pastelltönen und satten Rotabstufungen verwandeln den Raum in einen Ort zeitloser Schönheit (Potsdamer Str. 50, bis 4. Januar). Sind es liturgische Raritäten oder antike Amphoren, die da so magisch aus den Vitrinen leuchten? Oder doch echte venezianische Gläser, patiniert vom Zahn der Zeit?

Alles Illusion. Das gezielte Täuschungsmanöver eines Künstlers, der vor allem mit weggeworfenem Plastikmüll arbeitet. Seit über zwanzig Jahren sammelt der in Berlin lebende Gerd Rohling weltweit das Strandgut der modernen Industriestädte. Mit dem Teppichmesser schneidet er die durch verschiedene Umwelteinwirkungen angegriffenen Reste von Kunststoffbehältern passgerecht zu und montiert die Fundstücke nach dem Formenrepertoire alter Hochkulturen neu zusammen. In der Tradition der Arte Povera transformiert er das wertlose Rohmaterial zu kostbaren, unikalen Reliquiaren unserer Wegwerfgesellschaft. Der bei eingehender Betrachtung noch zu erkennende Schraubenziehergriff oder das Gewinde einer Spülmittelflasche gehören bei Wasser und Wein mit zum Mysterium der Kleinskulpturen. Schönheit kann eben immer neu erfunden und recycelt werden.

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