Flaschensammler und Fahrscheinverkäufer : Arbeitslose: Ganz unten

06.11.2010 12:03 UhrVon Silvia Hallensleben

„Nichts ist besser als gar nichts“: ein Film über Arbeitslose und andere Überlebenskünstler.

Die fliegenden Händler für Gebrauchtfahrscheine sind dem Berliner Nahverkehrsnutzer vertraut. Ganz legal sind ihre Geschäfte nicht, beweisen aber mehr Unternehmergeist als das bloße Aufhalten des Bettelbeutels auf dem Bürgersteig. Der Berliner Filmemacher Jan Peters erprobt für seinen Film im Selbstversuch eine leicht abgewandelte Geschäftsidee: In der deutschen Bankenmetropole macht er sich als „freier Reisebegleiter“ selbstständig. Unternehmensstandort: Die Fahrscheinautomatenhalle am Frankfurter Flughafen. Startkapital: eine Gruppenkarte der örtlichen Verkehrsbetriebe. Eine typische Redewendung: „Darf ich Ihnen helfen, zwei Euro zu sparen?“ Falls dies mit einem Ja beschieden wird, begleiten Peters und sein Ticket die Kunden für nur zwei Euro in die Stadt.

Doch richtig florieren wollen die Geschäfte auch nach professioneller Gründerberatung und der Investition in Berufskleidung (grauer Overall), Logo und Slogan („Sei fit, fahr mit!“) nicht. Auch andere Marketingmaßnahmen sowie Produktdiversifizierungen bringen keinen großen Erfolg. Die Gewinne reichen nicht einmal für die Kost, geschweige denn für Logis. Dafür lernt Peters Menschen kennen, die ihr Leben auf der untersten Stufe der Einkommensskala und jenseits geregelter Beschäftigungsverhältnisse einfallsreich gestalten: Jongleure und findige Zeitungsverkäufer, einen freischaffenden Fotografen ohne Kundschaft, aber mit aufwendigem Businessplan. Sozialromantische Anwandlungen verflüchtigen sich bald, jeder Flaschensammler kämpft eifersüchtig um sein Revier.

Mit betont naiver Erzählstimme führt Peters durch sein satirisches Forschungsprojekt, das ins Herz prekärer Arbeitsverhältnisse und Selbstständigkeitsillusionen zielt. Nur ist es zu ungenau angelegt, um wirklich zu treffen. Prägnantester Moment des tagebuchartig angelegten Films ist ein Bewerbungstraining für Problemschüler, bei dem sich die Ratschläge des Mentors bald in Widersprüche zwischen der von den Jugendlichen eingeforderten Selbstvermarktung und deren Ehrlichkeitsbedürfnis verstricken. „Sollen wir also lügen?“ fragt ein Schüler, der die ungeliebte Lehrstelle gegenüber dem Personalchef als Traumjob ausgeben soll.

Nein, nur die Wahrheit ein bisschen ausschmücken: „Nichts ist besser als gar nichts“ bietet lehrreiche Einblicke in die alltägliche Doppelmoral, die die Verantwortung für das Verschwinden regulärer Arbeitsmöglichkeiten gern dem fehlenden Engagement der Arbeitslosen selbst zuschiebt. Silvia Hallensleben

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