Kultur : "Flashback" - Theater in der Endlosrille

NOW: drei raumhohe Buchstaben, in grauer Farbe auf die schwarze Bühnenwand gepinselt.Zu erkennen sind sie nur im hellen Scheinwerferlicht, aber hell wird es bloß selten.Blau und gelb und rot schimmert das Licht an diesem Abend, es blinkt, flackert, blitzt und springt nervös von einem Punkt zum anderen.Eine Lightshow."Flashback" heißt das Stück, das die Berliner Volksbühne in eine Diskothek verwandelt.Das Theater als Club.Erzählt wird nichts, doch es gibt viel zu sehen.NOW: das ist schon die ganze Botschaft.Es geht um die totale Gegenwart, das Sich-Verlieren im Augenblick, das Sekundenglück des Moments.Deshalb fällt "Flashback" immer gleich wieder in sich zusammen, sobald sich aus den Moment-Skizzen so etwas wie eine Handlung zu ergeben droht.Das Stück, Volksbühnen-Debüt des 33jährigen Regisseurs Stefan Pucher, möchte das Theater mit den Mitteln des Videoclips retten.Hier ist alles Zitat.Die Texte, die von den neun Schauspielern aufgesagt werden, stammen von der Szene-Schriftstellerin Alexa Henning von Lange und von dem Beat-Lyriker Rolf Dieter Brinkmann.Brinkmanns Langgedicht "Westwärts 1 & 2", heilige Zeilen der siebziger Jahre, ist das Mantra des Abends.Es wird so oft wiederholt, daß am Ende von den Wörtern nur noch der Rhythmus übrigbleibt: "Die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter..." Pucher arbeitet wie ein DJ.Sein Stück ist Second-Hand-Theater, zusammengesampelt aus fremden Texten, Bildern, Tönen.Die Kopie als Original.Die schönste Szene des Abends: Vier alte Volksbühnen-Schauspieler - Klaus Mertens (links auf unserem Bild), Annekathrin Bürger, Jürgen Rothert und Ulrich Voß - schlurfen auf die Bühne, hocken sich vor vier DJ-Pulte und legen Platten auf, auf denen ihre eigenen Stimmen zu hören sind, Brinkmann rezitierend.Später gibt es dann noch den Tagesschau-Sprecher Jo Brauner als Doppel-Projektion zu sehen, drei junge Volksbühnen-Schauspielerinnen - Claudia Splitt, Christine Groß, Jeanette Spassova - singen Madonnas "This used to be my playground", auf der Gitarre begleitet von Matthias Matschke (rechts), die Stimme des Märchenplattenerzählers Hans Paetsch zitiert Joseph Brodsky, und getanzt wird natürlich auch.Am Ende, nach neunzig sehr langen Minuten, bleiben auf der Bühne die Plattenspieler zurück mit dem Ticken einer Uhr in der Endlosrille."Flashback" kommt nicht von der Stelle. chs

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