Kultur : Flatz-Performance: Großer Kuh

Eines der ältesten und uns teuersten Verbote der abendländischen Kultur lautet: Spiel nicht mit dem Essen! Ein nützliches Verbot. Kinder lieben es ja, besonders solche Speisen als Wurfgeschosse zu verwenden, die nicht abwaschbar sind. Manchmal sind Künstler von Kindern nicht zu unterscheiden. Dann spielen sie mit Sachen, die anderen heilig sind. Sie wollen das natürlich auch, denn nichts bestätigt die Nichtigkeit ihres Unterfangens eindrücklicher als die Gegenwehr, die es provoziert. Und wenn dafür Kühe vom Himmel regnen.

Wolfgang Flatz ist ein Pionier der Performance-Kunst, und er hat ein Problem: Alle reden über die Kuh, die er von einem Hubschrauber abwerfen lassen will, statt sich Gedanken über ihn zu machen, der blutend kopfüber an einem Kran hängen und seinen Song "Fleisch" vortragen wird. So schlecht kann es dem Mann ja auch nicht gehen, wenn er noch singen kann, denkt man. Die tote Kuh allerdings hat das nicht verdient, dass sie für vordergründige Schockeffekte missbraucht wird. "Ekel-Aktion", titelt die "Bild"-Zeitung und macht Front gegen ein Kunstverständnis, das in seiner Drastik auch sie noch in den Schatten stellt.

Es gehört zum ewig wiederkehrenden Schauspiel der Performance-Kunst, dass man ihr Sensationssucht unterstellt und ihre - durchaus geschmacklosen - Inszenierungen für eitlen Selbstzweck hält. Kaum ein Künstler verkörpert diese Ununterscheidbarkeit so radikal wie der Österreicher Flatz. In der Vergangenheit ließ er sich als Handtuch, Fußabtreter und Zielscheibe misshandeln, um das Wechselverhältnis von Täter und Opfer auszuloten. Nicht aus Solidarität mit den Opfern oder Sympathie für die Täter, sondern um zu demonstrieren, dass auch der Kulturmensch vor beidem nicht gefeit ist. Es bedarf nicht viel, und selbst Leute, die sich für gebildet und tolerant erachten, haben keine Mühe, ihre kulturellen Barrieren zu überschreiten und einen Menschen zu verletzen. Sie würden vermutlich sogar seinen Tod in Kauf nehmen, wenn sie glauben dürften, einem Spiel beizuwohnen. Flatz übernahm in diesen erschütternd grotesken Schmerz-Experimenten die Rolle einer physical sculpture. Dass er sich jetzt als media sculpture stilisiert und eine mediale Öffentlichkeit zu eigen macht, stört am stärksten die, die diese Öffentlichkeit kontrollieren. Wie soll man gerecht über eine Kunst urteilen, die einen selbst für ihre Sache einspannt?

"Wenn Flatz als Künstler agieren würde, dann würde er sich mit der Vorstellung begnügen, es fielen tausende Rinder vom Himmel", beklagt Kulturwissenschaftler Bazon Brock, der Flatz ebenfalls für einen Kulturbarbar und Fundamentalisten hält. Denn "ein Kulturfundamentalist schmeißt das Tier selber aus dem Hubschrauber." Und dennoch wird man schwer bestreiten können, dass ein stürzendes Rind auf den Zynismus der Fleischfabrikation zumindest wirkungsvoller reagiert als jede Sonntagsrede.

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