Kultur : Fleisches Frust

Falschgeld regiert die Welt: „Der Kaufmann von Venedig“ mit Ulrich Matthes am Deutschen Theater Berlin

Rüdiger Schaper

Was ist los mit Antonio? Woher die grundlos-abgrundtiefe Melancholie, mit der er schon auf die Welt gekommen scheint? Ist es, weil er, der Kaufmann von Venedig, nachher zwar sein Glück doch macht, aber rein geschäftlich, und einsam zurückbleibt zwischen drei frisch verliebten und vermählten Paaren? Liebt er Bassanio, um dessentwillen er sich beim Juden Shylock mit einem Pfund seines Fleisches verschuldet, mehr als freundschaftlich? Ist Antonio schwul? Ausgemergelt, unrasiert, mit tiefen Augenhöhlen, das Hemd hängt aus der schmuddeligen Hose: Stefan Hunsteins Antonio ist das Menschenelend auf zwei wackeligen Beinen. Ein so intelligenter Schauspieler, der schier auf offener Szene verhungert.

Was ist los mit diesem Shakespeare am Deutschen Theater, der ersten großen Premiere in der 100-Jahre-Max-Reinhardt-Jubiläumsspielzeit? Nicht viel. Sie stehen herum. Rauchen dicke Zigarren. Aha, Geschäftsleute! Langweilen sich mit oberschlauen Mienen. Auf dem grell-weißen Bühnenrund von Magdelena Gut ist es leer wie in den Köpfen. Man spricht in diesen Kreisen (in welchen aber jetzt genau?) die Übertragung von August Wilhelm Schlegel mit blasierter Präpotenz, wie Jungbörsianer Anglizismen kauen.

Die junge Regisseurin Tina Lanik hat das sumpfige, dampfende Venedig trockengelegt. Emotionen tauchen auf wie Falschgeld – wenn Frank Seppelers Bassanio hysterische Lachkrämpfe aus seiner steifen Figur herausschüttelt. Oder wenn sich zwei Männer oder zwei Frauen in hektischen Anfällen küssen. Wenn Shylocks Tochter Jessica (Daniela Holtz), eine tragisch blickende Dunkelhaarige, des Nachts von zu Hause ausrückt, krächzen die Verschworenen in Mikroports. Und wenn Porzia mit ihren Heiratskandidaten (blöde Aufschneider, natürlich) die Lotterie der Kästchen spielt, wird Belmont zum Las-Vegas-Spielcasino mit Video-Slots. Desillusionierung um jeden Preis. Fade.

Der Abend nimmt mehr, als er gibt. Er gibt Rätsel auf. Und nimmt einem die Lust, die Rätsel lösen oder auch nur verstehen zu wollen. Wie festgefahren das alles ist, zeigt sich in dem komödiantischen Ausreißer, den Tina Lanik sich einmal leistet. Shylocks Diener Lorenzo (Thomas Schmidt) begegnet seinem blinden Vater (Gabriele Heinz). Da sprühen ein paar Funken, und dann ist wieder Asche.

Selbst die quietschigen Aufwallungen Porzias gegen die Testamentsverfügung ihres Vaters, der sie postum noch in Ketten legt, jedenfalls bis zum bitter-guten Ende, wirken oft wie ferngesteuert. Doch: Man ist immer erleichtert, wenn Katharina Schmalenberg auftritt. Die schwerreiche Porzia besitzt eine Leichtigkeit im Umgang mit den Zwängen einer Welt, in der die Väter und das Geld regieren. Porzia, sehr blond, aber auch sehr clever. Wenn dieser „Kaufmann von Venedig“ eine Seele hat, so ist es Katharina Schmalenberg. Sie spricht einfach auch sehr gut – scharf und klar in ihrer Argumentation als junger Rechtsgelehrter beim Showdown mit Shylock vor Gericht. „Wie die Geradheit und pedantische Genauigkeit eines schlimmen Juden an dem talmudischen Dreh braver Christen zuschanden wird“: Alfred Polgars Wort über Shylocks Untergang trifft, was Katharina Schmalenberg und Ulrich Matthes nach langem Warten ahnen lassen. Eine böse Komödie.

Als stiller, vorsichtiger Mann kommt Matthes’ Shylock ins Spiel, der Schauspieler des Jahres an einem der Theater des Jahres. Wenn diese Aufführung Augen hat, dann gehören sie ihm. Leise, fast zweifelnd, leicht somnambul spricht er den berühmten Monolog. „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“ Es ist schon fast eine brutale Feststellung: Nein, ihr Christen haltet uns Juden nicht für Menschen. Berührend, wie Matthes das alte, so oft missbrauchte jiddelnde Klischee zitiert. Wie mühsam ihm ein Schrei entfährt.

Zum Prozess erscheint er mit Hut und Kippa darunter. Er lässt, schon ein bisschen phallisch, das Klappmesser hochschnellen. Der Schuldschein ist fällig, Antonio soll bluten, Shylocks Augen gieren nach dem Pfund Fleisch aus der Brust des christlichen Kaufmanns. Matthes spielt eine kaum gezügelte Rachlust, der ein todessehnsüchtiger Antonio merkwürdig entrückt gegenübersteht. Als gäbe es zwischen beiden noch eine Vereinbarung, die über oder neben dem Gesetz gelten soll. Ein kannibalischer Vertrag. Wie zärtlich Shylock sein Ohr an Antonios Herz legt!

Vor dem sicher geglaubten Triumph zeigt sich Shylock demonstrativ als Jude. Und Antonio legt sich, bereit zum Sterben, das Kreuz auf die Zunge. Trotzdem: Glaube und Diskriminierung, Rassen- und Religionshass sind hier eher unterspielt, wenn nicht beinahe vollständig ausgeblendet. Es bleiben Fragen, falsche Fragen vielleicht, weil die Regie ihnen ausweicht. Will Antonio sagen: Jetzt sind mal die Juden dran mit der Grausamkeit? Will Shylock zeigen, dass auch ein positiv verzeichneter Jude ein gefährliches Zerrbild ist? Exit Shylock, gedemütigt und auch selbst schuld. Die Sieger stehen herum wie verprellt und nicht abgeholt.

Wieder am 22. und 29. September.

0 Kommentare

Neuester Kommentar