Kultur : Flickenteppich

Umsonst und draußen mit Fritz Lang

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Kalten Krieg zu spielen vor dem Brandenburger Tor, das ist auch bei warmen Temperaturen kein Vergnügen. Aber sich bei Dauerschnee tagein, tagaus in die Uniformen von damals hineinzwängen und darauf warten, dass ein Tourist fotografiert und zahlt – nein, danke! Immerhin, bis Montag haben die Fotomodelle auf dem Pariser Platz einen geradezu frühlingsbunten Hintergrund: die Kunstinstallation „Vorhang auf – The Curtain“, angefertigt von der koreanisch-amerikanischen Designerin und Künstlerin Christina Kim aus recycelten Werbematerial vergangener Filmfestspiele.

„The Curtain“, das ist ein Flickenteppich aus Augen, Lippen, Berlinale-Bären, Schriftzügen, Szenenbildschnipsel und kaum zu identifizierenden Vorlagen, aus denen Stück für Stück ein 300 Quadratmeter großer Kinovorhang zusammengeschneidert wurde. Wortwörtlich ein Querschnitt durch die Geschichte des Festivals, ein riesiges Suchbild, Erinnerungspuzzle und Dekoration zugleich. Das „Vorhang auf“ allerdings war nur einmal vorgesehen, am Freitag Abend zur Open-Air-Aufführung von Fritz Langs „Metropolis“, live übertragen aus dem Friedrichstadtpalast.

Hinter dem bunten Vorhang wartete gestern Mittag schon die Leinwand – und der Platz wartete darauf, vom Neuschnee befreit zu werden. Obwohl, sollte es dazu nicht mehr kommen: Mit seiner zunehmend matschigen Konsistenz ließ er versehentliche Rutschpartien sehr viel weniger befürchten als das Eis der vergangenen Tage. Klar war aber, dass die Veranstaltung im Freien etwas für besonders hartgesottene Anhänger des Films sein würde. Die bei solchen Veranstaltungen in Berlin sonst üblichen Würstchenbuden und Glühweinstände suchte man vergebens.

Die Aufführung war schon am Vormittag im Friedrichstadtpalast geprobt worden, halbwegs unter Realbedingungen, einschließlich der Begrüßungsworte von Berlinale-Chef Dieter Kosslick, Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Eberhard Junkersdorf, dem Kuratoriumsvorsitzenden der Murnau-Stiftung, bei der die Rechte für „Metropolis“ liegen und die schon eine neue DVD-Veröffentlichung in Aussicht stellt. Allerdings waren die drei Herren am Vormittag noch nicht anwesend, ihren Part spielte ein gemeinsamer Stellvertreter – und las statt ihrer Reden etwa aus einem Bericht, den die Kritikerin Karena Niehoff 1956 anlässlich eines Berlin-Besuchs Fritz Langs im Tagesspiegel veröffentlich hatte. Das war zweifellos viel unterhaltsamer.

Dann sprach erst einmal Fritz Lang selbst, per Tonkonserve, wie dies auch für den Abend geplant war. Am 18. Januar 1927 hatte der Komponist und Dirigent Gottfried Huppertz mit einem Orchester verschiedene Stücke der „Metropolis“-Musik aufgenommen. Die Einspielung wurde von der Plattenfirma Vox auf Schellack herausgebracht, einschließlich einiger „Leitworte“ des Regisseurs. Die Platte galt wie das herausgeschnittene Drittel des Films jahrzehntelang als verschollen. Erst jetzt ist sie im Archiv des Sammlers Thomas Krispens wieder aufgetaucht und hatte nun wie der restaurierte Film zweite Premiere.

Die Wahrnehmung des Films werde sich nach der Restaurierung sehr wandeln, sagte bei der anschließenden Pressekonferenz Martin Koerber von der Stiftung Deutsche Kinemathek voraus. Jetzt begreife man besser, dass „Metropolis“ kein Science-Fiction-Pionierfilm und auch kein Frankenstein-Film sei. Durch die Ergänzungen habe das Thema der Freundschaft, das Lang oft beschäftigt habe, wieder das frühere Gewicht bekommen, sagte Anke Wilkening, Restauratorin bei der Murnau-Stiftung. Und sie erinnerte an eine frühe Interviewäußerung Langs, der angekündigt habe, niemals nach Amerika gehen zu wollen, schließlich habe man dort seinen schönsten Film verhunzt. Bekanntlich musste er sich einige Jahre später dann doch anders entscheiden.

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