Kultur : Flieg mit mir über den Lichtbogen

NEUE MUSIK AUS SKANDINAVIEN

Ulrich Pollmann

Das Fazit des großen Berliner Magma -Festivals könnte lauten: Ist nordische Musik gut, klingt sie nicht nordisch, und klingt sie nordisch, ist sie nicht gut. Bei genauerem Hinschauen aber differenziert sich das Bild. Man muss sich nur die Bedingungen anschauen, unter denen in Nordeuropa Musik entstand (und entsteht): Im 19. Jahrhundert wurden die Einflüsse Deutschlands und Frankreichs im Rahmen der nationalen Erweckung in den nordischen Ländern aufgegriffen und mit eigenem Kolorit versehen. Andererseits ist die Ästhetik der zeitgenössischen Musik Mitteleuropas von den einschneidenden Ereignissen des Zerfalls der alten Ordnung 1914 und der Katastrophe 1945 geprägt. Diese einschneidenden Ereignisse waren für die nordischen Länder von geringerer Bedeutung. Das hat unweigerlich zur Folge, dass nordische Musik oft noch stark von romantischen Elementen geprägt ist und auf hiesige Hörer nicht selten unzeitgemäß naiv wirkt. Beim „Magma Festival“ war das reichlich zu studieren: Gerade die repräsentativen Konzerte in der Philharmonie litten unter einer betulichen Programmauswahl – wohl vom Bemühen getragen, die anwesenden Honoratioren nicht zu verschrecken.

Für viele nordische Komponisten scheinen die Grundlagen moderner Kunstästhetik keine Relevanz zu besitzen: Das Misstrauen gegen allzu eindeutige emotionale Botschaften – hierzulande auch von der Erfahrung zweier Diktaturen befördert – ist dort keineswegs selbstverständlich; genauso wenig die Forderung nach der Mehrdeutigkeit eines Kunstwerks, nach der Offenheit der Wahrnehmung.

Erfreulicherweise gab es auch anderes zu hören. Das Arditti String Quartet präsentierte Werke, die einer entschieden modernen Tonsprache verpflichtet sind, so vom Finnen Kimmo Hakola. Das norwegische Cikada Ensemble zeigte mit Stücken von Cecilie Ore, Ivar Frounberg und Asbøjn Schaathun, dass das Bedürfnis nach lyrisch-zartem oder kraftvollem Ausdruck auch in nicht vordergründig-penetranter Weise ausgelebt werden kann. Zum Höhepunkt aber geriet das Konzert des Scharoun Ensembles : Kaija Saariahos „Lichtbogen" wusste hier mit zarten Klangflächen zu faszinieren.

Hier, wie auch in den Seminaren an den Berliner Hochschulen, wo sich Studenten aus Skandinavien vorstellten, zeigte sich, dass die unideologischeArt, mit Musik umzugehen, die vielen jungen nordischen Komponisten eigen ist, durchaus zu spannenden Resultaten führen kann – wenn die Musiker sich nicht hinter Klischees vergangener Zeiten einigeln.

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