Kultur : Fliegen lernen

Luigi Nonos „Prometeo“ beim Musikfest Berlin

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Ein skurriler Effekt: Die Seiten der riesigen Partituren, die vor dem Dirigenten Arturo Tamayo und den Klangregisseuren vom SWR-Experimentalstudio liegen, knistern beim Umblättern wie Pergamente mittelalterlicher Folianten. Als würde ein Stück aus alten Zeiten aufgeführt und nicht Luigi Nonos „Prometeo“ von 1985. Einer der Urkonflikte, die verbotene Erleuchtung der Menschen durch einen Göttersohn, hat den Komponisten zu seiner zweieinhalbstündigen „Tragödie des Hörens“ inspiriert, einem aus der Zeit gefallenen Werk, das sich über weite Strecken an der Grenze zur Unhörbarkeit bewegt. Weshalb das Knistern der Notenblätter der Live-Aufführung ein akustisch prägendes Element hinzufügen kann.

23 Jahre nach der deutschen Erstaufführung wird das personalintensive Werk im Kammermusiksaal erneut realisiert, eine Ko-Produktion mit den Salzburger Festspielen, unterstützt mit Mitteln des Hauptstadtkulturfonds. Beide Berliner Aufführungen sind ausverkauft, abgesehen von ein paar Unvorbereiteten, die bald verwirrt verschwinden, lassen sich die Zuhörer mit höchster Konzentration auf die Odyssee durchs Raum-Zeit-Kontinuum ein. Dabei stehen ihnen zwei Wege offen: Sie können die von Massimo Cacciari kompilierten Zitate der mitteleuropäischen Geistesgeschichte als Wegweiser nehmen, sich von Aischylos, Hölderlin und Walter Benjamin über die fünf „Inseln“ des Archipels „Prometeo“ führen lassen. Oder sie geben sich dem reinen Klangerlebnis hin, versuchen gar nicht erst, aus den zerdehnten, übereinander geschichteten, mit elektronischem Hall belegten Vokalen und Konsonanten Worte herauszuhören.

Weil das Sehen allerdings unser dominierender Sinn geworden ist, wandern die Augen immer wieder den Geräuschen hinterher, versuchen unter den im Saal verstreuten Mitgliedern des Konzerthausorchesters und der Schola Heidelberg jene auszumachen, die gerade aktiv sind.

Zehn Tage wurde geprobt, vor allem für die Detaileinstellungen der technischen Verfremdungen. Am Freitagabend kann sich der Soundflow ungehemmt entfalten, auch dank Ko-Dirigentin Matilda Hofman, die den entfernt sitzenden Musikern mit Tai-Chi-haften Bewegungen Sicherheit gibt. Das Größte aber ist: Nono erschafft das Universum seiner Klänge allein mit menschlichen Stimmen und der traditionellen Orchesterbesetzung. Percussion-Schnickschnack und exotische Modeinstrumente hat einer wie er nicht nötig. Frederik Hanssen

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