Kultur : Fliegende Blätter für die Ewigkeit

„Frauen, Stiere, Alte Meister“: Das Berliner Kupferstichkabinett zeigt Picassos grafisches Werk in einer großen Retrospektive.

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Die – künstlerische – Begegnung mit ihm fühlt sich so frisch an, als wäre er erst ein flüchtiger Bekannter. Dabei ist Pablo Picasso für Berlin ein vertrauter Freund. Das Museum Berggruen besitzt viele seiner Werke, die seit der Wiedereröffnung des Hauses zahlreiche Besucher anzogen, die Nationalgalerie hat in den letzten 30 Jahren drei große Ausstellungen gezeigt. Nun widmet sich das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen Picassos grafischem Werk. Hier ist sein Oeuvre gleichsam wie unter der Lupe zu besichtigen. Alle Themen und Motive der großen Tafelbilder Picassos finden sich auch auf den Blättern – nur weitaus intimer, persönlicher, schonungsloser.

140 Werke versammelt die Schau „Frauen, Stiere, Alte Meister“, dazu kommen einigen Leihgaben in Öl und Keramik, um die Retrospektive vom Frühwerk bis zum Spätwerk rund zu machen. Das Kupferstichkabinett kann von sich behaupten, die älteste Sammlung des Künstlers zu besitzen. Denn die erste Arbeit wurde schon 1913 erworben, zu einer Zeit, in der Avantgarde-Künstler noch längst keine Anerkennung durch Museen gefunden hatten und sich nur private Sammler für den in Paris lebenden Andalusier erwärmten. Es ist die Radierung „Die Armen“ von 1904, sie zeigt eine hungernde Familie. Auch sie ist im Kulturforum zu sehen.

„Ich weiß nicht, ob ich ein großer Maler bin, aber ich bin ein großer Zeichner“, hat Picasso einmal gesagt. Die Kompositionsmerkmale seiner Gemälde finden sich in seiner Grafik wieder, die Liebe zur Fläche, zum Kontrast von Hell und Dunkel, Leere und Fülle. Dass Picasso sich nicht auf einen Stil festlegte, ist hinlänglich bekannt. Aber die Vielfalt scheint nun im Kupferstichkabinett besonders glänzend auf. Da gibt es die rein auf die Linie konzentrierten reduzierten Frauenakte am Strand, die in hunderte Teilchen aufgesprengten Prismen der kubistischen Phase, Linolschnitte mit comic-artigen Kaugummiformen, schwungvoll gesetzte Tuschepinselstriche, mit denen Picasso Torero und Stier aufeinander losgehen ließ.

Mehr noch als in seiner Malerei kommt in der Grafik das Menschliche zum Vorschein, sogar im noch so deformierten Gesicht. 1952 porträtiert der Künstler seine Tochter Paloma mit ihrer Puppe. Bäckchen, Mund, Nase und Augen baut er aus geometrischen Formen auf. Und doch ist alles Kindliche zu spüren, das Speckige und Unschuldige.

2400 Grafiken hat Picasso der Nachwelt hinterlassen, vor allem in seiner späteren Schaffensphase war er von Radierungen, Lithografie und auch dem Linolschnitt fasziniert. Bis zu sieben Arbeiten schüttelte er noch als gut Achtzigjähriger täglich aus dem Ärmel. Das Schnelle und Zeichnerische entsprach sehr seinem Verständnis von Kunst, die er auch als eine Art von Tagebuchführen begriff. So passt es, dass die Ausstellung im Kupferstichkabinett viele biografische Schlaglichter setzt. Mit den Frauen wechselte Picasso seinen Stil, entsprechend dem Wesen der Liebsten – und dem Zustand der Beziehungen, die der Künstler nie lange aufrecht erhalten konnte. Das wiederkehrende Motiv des Stierkampfs wird hier als Machtkampf zwischen den Geschlechtern aufgeschlüsselt, wobei sich der Frauenliebhaber, Macho und Egozentriker Picasso mitten hinein in die Arena stellt. Der blinde Minotaurus, eine abgründige, düstere Mensch-Tier-Gestalt, ist ebenfalls Picasso. Immer wieder zeichnet der Spanier dieses bullige und zugleich hilflose Wesen.

Dem Linolschnitt, dem Groben unter all den Drucktechniken, trotzt der Künstler Feinheiten ab. So kerbt er geschwungene Linien in ein schlichtes Stillleben-Motiv mit „Glas unter der Lampe“ (1962), die ohne Schattierungen und nur mit den Volltönen Schwarz, Gelb und Rot eine sehr eigene nächtliche Lichtstimmung ergeben. Das „Porträt eines jungen Mädchens nach Cranach dem Jüngeren“ von 1958 vibriert unter der filigranen Musterung mehrere Farbaufträge. Toll gehängt ist das Kapitel zu den „Alten Meistern“: Da hat man sich die Mühe gemacht, Radierungen Rembrandts und Goyas Seite an Seite mit dem Künstler der Moderne zu präsentieren. Der direkte Vergleich zeigt, wie Picasso teilweise eins zu eins Bildkompositionen übernommen hat, und das nicht etwa als junger, seinen Stil Suchender, sondern bereits als etablierter Künstler. Zeit seines Lebens war ihm das Studium der Kunstgeschichte wichtig.

Schon Picassos allererste Grafik zeigte einen Stierkämpfer. Doch der Achtzehnjährige war damals noch nicht mit der Drucktechnik vertraut, er vergaß, dass sein Motiv seitenverkehrt von der Platte aufs Papier übertragen wird. Zu welcher Meisterschaft er es noch bringen sollte, das zeigt die Schau im Kulturforum aufs Schönste. Anna Pataczek

Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, bis 12.1.2014, Di-Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr. Katalog 49,90 €

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