Kultur : Fliegende Händler und andere Heilige

Die Welt als Marktplatz: Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka eröffnet das Berliner Festival „In Transit“

Sandra Luzina

Er ist auf dem Sprung. Gerade kommt Wole Soyinka aus seiner Heimat Lagos in Nigeria, nach drei Tagen Berlin will er weiterfliegen nach Los Angeles und Santa Fé. Nur wo er seinen 70. Geburtstag am 13. Juli verbringen wird, weiß er noch nicht. „Ich hoffe, dass ich dem ganzen Trubel entfliehen kann. Ich mache mir nichts aus Geburtstagen. Das letzte Mal, dass ich vorsätzlich meinen Geburtstag gefeiert habe, war ich 21 Jahre und in England. Damals habe ich ich Teller gewaschen." Wole Soyinka, der Dichter, Dramatiker und politische Aktivist, wurde 1986 als erster Afrikaner mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Überall, wo er seitdem auftritt, lehrt oder inszeniert, will man ihn feiern, auf ein Podium setzen oder an der Spitze einer Kundgebung sehen.

Gerade erst ist er wieder verhaftet worden: In Lagos nahm er an einer Demonstration teil, die den Rücktritt von Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo forderte. „Ich bin nur kurz festgenommen worden“, winkt Soyinka ab. Für einen Mann, der Exil und Isolationshaft hinter sich hat, ist der jüngste Vorfall nicht weiter der Rede wert.

Auch in Berlin wird er einen Abend lang die Leitfigur sein. Das Festival „In Transit“ im Haus der Kulturen der Welt wird eröffnet mit einer Inszenierung seines 2002 in London verfassten Poems „Samarkand and Other Markets I Have Known“, das auch dem in diesen Tagen im Zürcher Ammann Verlag erscheinenden zweisprachigen Gedichtband den Titel gegeben hat: „Samarkand und andere Märkte, auf denen ich war“. Soyinka führt zusammen mit dem Kurator Koffi Kôkô und Peter Badejo Regie und trägt das Gedicht selbst auf Englisch vor. Die deutsche Übersetzung liest Adriana Altaras. Nicht nur Tänzer aus verschiedenen Nationen nehmen an dem Spektakel teil, die Assistenten trommeln gerade fliegende Händler aus Berlin zusammen.

„Die Welt ist ein Marktplatz“, lautet eine einem Lied der Yoruba entnommene Zeile von „Samarkand“. Soyinka hat ímmer wieder Yoruba-Mythen und Traditionen mit westlichen Stilmitteln gekreuzt. Der Markt ist eine Metapher für den Austausch zwischen Menschen und Kulturen, das Poem selbst eine rauschhafte Vision von der Verschmelzung der Religionen: weiß gewandete Sufi-Derwische wirbeln sich in Trance, während der Ruf des Muezzins sich mit Chorälen und buddhistischen Mantras vermischt. Talismane, Amulette und Rosenkränze werden getauscht, afrikanischen Yoruba-Gottheiten und Orisha-Geister angerufen. „Handel und Tempel, Heilige und Verkäufer waren immer schon Seelenverwandte, Lieferservice für die Bedürfnisse von Leib und Seele“, heißt es in „Samarkand“.

Soyinka ist in einer toleranten Gesellschaft aufgewachsen, in der sich Christen und Moslems gegenseitig respektieren – nachzulesen in seinem autobiografischen Buch „Aké“. Allerdings hat er erst jüngst wieder erkennen müssen, dass die Utopie eines Schmelztiegels der Rassen und Religionen heute weniger denn je funktioniert. Gegen einen Supermarkt der Ideen wie gegen einen neuen gewaltbereiten Fundamentalismus schreibt er an in „Samarkand“. Der Dichter hält fest an seinem Kindheitsbild, beschwört noch einmal den „Geist“ des Marktes, der Theatermann feiert ihn als einen Ort der Verwandlung und Begegnung. Und fordert ein permanentes Transitvisa für fliegende Händler.

Apropos fliegen: Bei der Vorstellung, bald wieder in ein Flugzeug steigen zu müssen, bekommt Soyinka gleich schlechte Laune. „Manchmal wünschte ich mir, nicht ich ginge hinaus in die Welt, sondern die Welt käme zu mir.“ Mit einem ironischen Stoßseufzer kommentiert Soyinka, der globale Nomade, seine Aktivitäten. „Ich glaube, es gelingt mir nicht, in Würde und mit Anmut alt zu werden. Ich fühle mich einfach nicht wie 70! Vielleicht sollte ich einen Psychiater aufsuchen.“

Eröffnung des Festivals „In Transit“ mit „Samarkand“ am Mittwoch, dem 2.6., um 20 Uhr im Haus der Kulturen der Welt

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