Kultur : Fliegende Kaffeekannen

Der Alchimist: Springer & Winckler zeigt Fotografien von Sigmar Polke aus vier Jahrzehnten

Ulrich Clewing

Gemälde von Sigmar Polke hängen in vielen Museen. Weitaus seltener ist dagegen das fotografische Werk des 1941 in Schlesien geborenen, in Köln lebenden Künstlers zu sehen. Vor fünfzehn Jahren gab es eine Ausstellung in der Kunsthalle Baden-Baden, doch als Polkes „Works on paper“ 1999 im MoMA gezeigt wurden, war kein einziges Foto darunter. Diese Wahrnehmungslücke schließt nun die Galerie Springer & Winckler: Sie präsentiert 27 Fotos aus den letzten vier Jahrzehnten – ungefähr die Hälfte stammt aus der Zeit von 1964 bis 1968 und wurde anlässlich der Schau in Baden-Baden neu abgezogen, der Rest entstand mit wenigen Ausnahmen in den achtziger Jahren.

Als Maler ist Polke ein Humorist, der nicht nur seine nähere Umgebung, sondern auch die Kunst hintersinnig analysiert. Für den Fotografen Polke gilt das Gleiche: Die frühesten Bilder bei Springer & Winckler huldigen einem schrägen Surrealismus. Bevorzugter Ort der Handlung, wie später auch bei den anderen großen rheinischen Geisterbeschwörern Anna und Bernhard Blume, ist die Keimzelle der mystischen Beseeltheit der Dinge: die Küche daheim. Auf einem Foto aus den Sechzigern ist etwa eine Tasse Milch auf dem Küchentisch ausgekippt, wobei die Milch hier aus einem origamihaft gefalteten Blatt weißem Papiers besteht (30000 Euro). Ähnliches lässt sich auch mit einer neobarocken Kaffeekanne anstellen. Hier nimmt die verspielte Kräuselung der Papiermilch die ziemlich scheußliche Verzierung des Gefäßes auf (30000 Euro).

Was andere mit tiefem Ernst betreiben, wird für Polke zum lustvolles Versuchsfeld. So finden sich in seinen frühen Bildern eine Reihe von Anklängen an die subjektive Fotografie der Fünfzigerjahre – extreme Nahsicht, die Tendenz zur Abstraktion, die Betonung von Form, Licht und Schatten. Doch was er daraus macht, ist ebenso kunstvoll wie respektlos. Dem Thema Stillleben widmet sich Polke mit der Albernheit eines allein stehenden jungen Mannes, der in seiner Studentenbude alle Freiheiten genießt: eine leicht angegammelte Gurke, eine Kugellampe, ein paar Legosteine ausgebreitet auf einer Wolldecke, das ist das Inventar einer ganzen Stillleben-Serie (je 25000 Euro).

Später hat Polke vor allem mit der Technik experimentiert: In den „Nugget-Fotos“ von 1986 mit Doppelbelichtungen (je 15000 Euro), zwei Jahre später mit Entwicklerflüssigkeit und vollständig schwarzen Bildern, in die der Künstler Strichmännchen eingezeichnet hat – die man freilich nur aus einem bestimmten Blickwinkel erkennt (13000 Euro). Ein großer Stein mit dem Umriss eines Fischkopfs (13000 Euro) fasziniert ihn ebenso wie geometrische Kompositionen, bei denen der Zersetzungsprozess so weit fortgeschritten ist, dass sie an grobkörnige Schwarz-Weiß-Kopien erinnern. Nur einmal bricht die Alchimisten-Attitüde auf und die harte Realität kommt zum Vorschein. Im hinteren Raum der Galerie hängen zwei Fotos aus dem Jahr 1974. Polke hat sie auf einer Reise durch Pakistan aufgenommen. Sie zeigen zwei schwer bewaffnete Leibwächter. Einer davon zielt mit seiner doppelläufigen Flinte direkt auf den Fotografen. Oder vielleicht doch eher auf den Betrachter? Bei Polke ist erstens alles möglich und zweitens weiß man nie so ganz genau.

Galerie Springer & Winckler, Fasanenstraße 13, bis 29. Januar; Dienstag bis Freitag 15–18 Uhr, Sonnabend 12–15 Uhr.

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