Kultur : Fliegende Wörter von Odile Kennel

Tina Heidborn

In Deutschland muss Cécile ihren Namen immer mindestens zweimal wiederholen, und dann sagen die Leute doch "Cecill" mit falscher Betonung, und manche wollen sogar "Sessi" sagen. Cécile ist neun Jahre alt, lebt im Schwarzwald und fährt jeden Sommer nach Frankreich ans Meer, weil ihre Mutter Französin ist. Da sieht die Gemüsesuppe ganz anders aus, und man begrüßt sich mit "la bise", dem Küsschen, und Céciles deutsche Worte fliegen weg, weil sie die dann ja nicht braucht, und sitzen wie Vögel auf den Bäumen. Erst wenn Cécile wieder im Schwarzwald ist, kommen sie wieder zurückgeflogen, was beruhigend ist in der verwirrenden Welt eines Kindes. "Wimpernflug" heißt die erste längere Erzählung von Odile Kennel, die als Kind deutsch-französischer Eltern in Deutschland aufgewachsen ist. Reden heißt die Welt erklären, und so redet Cécile ohne Unterbrechung, ohne Punkt und Komma gar, "Eine atemlose Erzählung" heißt es schon im Untertitel. Das Mädchen erzählt vom Sommer in Frankreich, welche Tanten sie mag und warum deutsche Salzkartoffeln so komisch schmecken. Eine eigenartig mitreißende Melodie entfaltet dieses dünne Buch, das man im Rausch und in einem Rutsch liest.Odile Kennel: Wimpernflug. Eine atemlose Erzählung. edition ebersbach, Göttingen 2000. 96 Seiten, 24,80 DM.

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