Kultur : Fliegender Beton

Ein Berliner baute in Krakau ein neues Luftfahrtmuseum – doch die spektakuläre Sammlung verrottet

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Auf dem Boden geblieben. Der Architekt Justus Pysall entwarf das Eingangsgebäude des Museums am Rand des ehemaligen Krakauer Flughafens. Foto: p-a/dpa
Auf dem Boden geblieben. Der Architekt Justus Pysall entwarf das Eingangsgebäude des Museums am Rand des ehemaligen Krakauer...Foto: picture alliance / dpa

Die Jana-Pawla-Allee führt von der Krakauer Innenstadt in Richtung Osten. Nach drei Kilometern ein ehemaliges Flugzeugleitwerk als Wegweiser, nach links eine holprige Seitenstraße hinein, vorbei an Wohnblocks, dann kommt es ins Blickfeld, das neue Eingangsgebäude des Polnischen Luftfahrtmuseums. Irgendwie hat es Flügel, aber wie ein Fluggerät sieht es nicht aus. Mächtige Betonschwingen breiten sich aus, schützen unter sich gläserne Räume, weite Hallen mit viel Aus- und Einblick.

Der Architekt des Baus, Justus Pysall vom Berliner Büro Pysall Ruge Architekten, hatte 2005 zusammen mit dem polnischen Partner Bartlomiej Kiesilewski einen der in Polen bis dato seltenen internationalen Wettbewerbe gewinnen können.

Pysall spielte beim Entwerfen mit einem quadratischen Blatt Papier, schnitt es von allen Seiten ein, kniffte und faltete es, bis er schließlich ein dreiflügeliges Etwas in Händen hielt, das nach einem Kinderwindrad aussah. Heute steht diese Form in Beton gegossen am Rand des ehemaligen Flughafens der polnischen Hauptstadt. 13 Millionen Euro hat die Anlage gekostet, einschließlich der Freiflächengestaltung durch ST raum a., einem Landschaftsarchitekturbüro, ebenfalls aus Berlin.

Dort, wo sich in der Mitte die Flügel treffen, öffnet sich ein gläsernes Dreieck: der Haupteingang, dem man unwillkürlich zustrebt. Das Foyer im Zentrum bietet Überblick und Orientierung. Linker Hand die Kassentheke, mittig eine schwebende Treppe, die an eine Gangway zum Flugzeug erinnert, geradeaus der Blick in die Haupthalle. Und zur Rechten, in runden Formen, der kleine Kinosaal, der von der Lufthansa mit 49 Flugzeugsitzen bestückt wurde. Treppauf sind der Veranstaltungssaal und zwei Verwaltungsgeschosse erreichbar, alles übersichtlich, funktional und formal durchdacht und in einer angenehm unspektakulären, modernen Formensprache gehalten. Selbst die Ausstellungsvitrinen sind vom Architekturbüro entworfen worden.

Die großflächige Verglasung der beiden Ausstellungshallen, die im Sommer geöffnet werden kann, ist Programm. Die Flugzeuge stehen auf der „Rollbahn“, die sich optisch draußen fortsetzt. Die Besucher bekommen schon hier den Überblick und einen Eindruck von dem, was sie draußen erwartet: nämlich historische Hangars, in denen sich die eigentlichen Sammlungen befinden, sowie eine stattliche Zahl an Fluggeräten, die im Freien zu besichtigen sind. Aus der Gesamtanlage erklärt sich auch die Form des Neubaus; seine quadratische Grundfläche entspricht dem „Fußabdruck“ der historischen Hangars, von denen einige verschwunden sind und irgendwann für die Sammlung neu errichtet werden sollen, das ist jedenfalls Pysalls Masterplan.

Die Ausstellungsstücke im Neubau stehen nur exemplarisch für die gesamte Sammlung, sie sollen Appetit machen. So betrachtet, ist jedoch nicht ganz einsichtig, warum hier nur Exponate von minderem Interessantheitsgrad so prominent präsentiert sind. Das Museum hat wahrlich Spannenderes zu bieten.

Draußen im Freien stehen sie dann, all die Relikte des Kalten Kriegs, die MIG 15, 17, 19, 23, 29, die Suchojs und Antonows, die Yakolevs und Tupolews. Aber auch die Himmelsstürmer aus „gegnerischen“ Beständen sind vertreten: Mirage und Draaken, Curtiss Hawk, Fouga Magister und Starfighter. Viele Maschinen stehen nur beziehungslos herum, sind nicht einmal mit einem Schildchen bezeichnet. Nur von wenigen erfährt man Details.

Unter den sechs dutzend Maschinen gibt es eine ganze Reihe von Doubletten, die als Tauschobjekte bewahrt werden. Doch „bewahrt“ ist womöglich der falsche Ausdruck. Ungeschützt in Wind und Wetter, die Räder in den Rasen eingesunken, gammeln die wertvollen Exponate vor sich hin. Die UV-Strahlung vollbringt zusätzlich ihr zerstörerisches Werk: Plexiglashauben und Fenster aus den fünfziger Jahren sind inzwischen praktisch undurchsichtig, Lacke verblasst, Gummiteile spröde. Diese Sammlung anzusehen, die eher einem Flugzeugfriedhof gleicht, ist eine Qual.

Wer nun die Schritte in die Hangars lenkt, um die älteren Maschinen in besseren Bedingungen unter Dach zu besichtigen, wird auch nicht eben verwöhnt. Auch hier ähnelt die Beschilderung einer Diaspora-Ausstellung des Kindergottesdienstes im Gemeindehaus. Professionelle Ausstellungsdidaktik sieht anders aus.

Das Museum hat die vielleicht bedeutendste Sammlung historischer Flugmotoren zu bieten, ein Stück prächtiger als das andere, vom skurrilen Einzylinder bis zum sechzehnstrahligen Sternmotor mit 1000 PS und ebenso viel Kilogramm Gewicht. Wenn es dämmerig wird, schaltet sich der Besucher die vereinzelten Leuchten mit dem Schnurschalter selbst an.

Der Direktor Krzysztof Radwan ist ein kundiger Fachmann, hat gute Kontakte, mehrt die Sammlung und freut sich über jeden Neuzugang. Doch sein Haus braucht noch dringend einen tüchtigen Museologen, der die Schätze zu bewahren und zeitgemäß zu präsentieren weiß.

Denn Schätze gibt es hier zu sehen, etwa den teilerhaltenen Messerschmitt-Prototypen Me 209, mit dem 1939 ein Geschwindigkeitsweltrekord von 755 km/h aufgestellt wurde, der 30 Jahre Bestand hatte. Ohnehin ist das Museum mit Objekten aus der Frühzeit der deutschen Luftfahrt gut bestückt. Das liegt daran, dass Teile der Berliner Luftfahrtsammlung im Krieg vom Moabiter Werder nach Pommern ausgelagert wurden, ins spätere Polen also, und so ins Museum nach Krakau gelangten. Über die Rückgabe dieser Objekte, 23 mehr oder weniger beschädigte Flugzeuge, Motoren und Propeller zum Teil aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, wird seit Jahren ergebnislos gestritten. Kooperations- und Restaurierungsangebote des Deutschen Technikmuseums Berlin nimmt die polnische Seite nur halbherzig an.

Auf Weltniveau ist das polnische Luftfahrtmuseum, das zu den größten und bedeutendsten der Welt gehört, noch lange nicht. Aber mit dem neuen Eingangsbauwerk ist ein Anfang gemacht.

Internet: www.muzeumlotnictwa.pl

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