Kultur : Fliegendes Wasser

„Wolkenbilder“: Die Alte Nationalgalerie zeigt, wie Malerei und Wissenschaft den Himmel entdeckten

Nicola Kuhn

Der russische Künstler Ilja Kabakov überraschte vor sieben Jahren mit der Empfehlung, sich – statt Skulpturen anzuschauen – auf eine Wiese zu legen und den Zug der Wolken zu beobachten. Hans Magnus Enzensberger hat es ihm nachgetan und anschließend seine wunderbare „Geschichte der Wolken“ geschrieben: „Gegen Stress, Kummer, Eifersucht, Depression/ empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken.“

Deren flüchtige Gestalt hat seit jeher Künstler und Dichter fasziniert. Doch vielleicht verhinderte gerade diese Unfassbarkeit, dass sich die Kunstgeschichte damit beschäftigte. Denn erstaunlicherweise ist die aus Hamburg vom Bucerius-Kunstforum und dem Jenisch-Haus übernommene Ausstellung „Wolkenbilder – die Entdeckung des Himmels“ in der Alten Nationalgalerie die erste ihrer Art. Über 300 Werke vereint sie aus der Zeit des Barock bis in die Gegenwart. Dabei war es die wissenschaftliche Benennung der verschiedenen Erscheinungsformen, die eine regelrechte Wolkenmode in der Malerei auslöste: 1803 veröffentlichte der britische Apotheker und Hobby-Meteorologe Luke Howard seine „methodische Modification“, mit der er erstmals die frei in der Atmosphäre schwebenden Wasserteilchen in Cirrus, Cumulus und Stratus einteilte.

Aufklärung und Howards nüchterne Klassifikation gingen Hand in Hand; der Göttersturz war die unweigerliche Folge. So dürfen im ersten Ausstellungssaal die plustrigen Wasserbäusche noch als Sitz der Götter fungieren. Aus den Depots der Gemäldegalerie hat sich Kuratorin Alexandra Karentzos Werke von Tiepolo, Maulbertsch und Magnasco geholt, um an die ursprüngliche Vorstellung zu erinnern, dass Putten, Götter, Götterboten in luftigen Höhen ihr sagenhaftes Reich bevölkerten. Danach senkt sich der Himmel auch schon auf den Boden. Die Niederländer ziehen die Horizontlinie ganz tief. Sie suchen das Göttliche in der Gegenwart, die Landschaft gewinnt nun metaphysische Bedeutung. Aber es bleibt die hohe Zeit der Wolken, denn über allem Irdischen türmen sich die schönsten Luftgebirge. In Jacob van Ruisdaels Ansicht von Haarlem (um 1670) dräut der Himmel allerdings so sehr, dass man ihn noch immer als Ort der Bestimmung menschlichen Schicksals liest.

Die Berliner Ausstellung hat hier einen ihrer großen Momente, denn von den niederländischen Landschaftsmalern lässt sich durch den Mittelsaal hindurch an Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ vorbei direkt herüberschauen zur klassischen Avantgarde mit Hodler und Nolde. In einer Blickachse öffnet sich hier das ganze Spektrum möglicher Wolkenmalerei; nie zuvor hat man so verschiedene Epochen auf diese Weise zusammen gesehen. Zu allen Zeiten war der Himmel Ort der Projektion; die Wolken haben ihm nur Gestalt gegeben. Während Friedrichs Mönch demütig auf die neblige Unendlichkeit blickt, ballen sich bei Emil Nolde die Wolken zu abstrakten Gebilden als autonomes Stimmungsbild zusammen.

Luke Howards „Modification“ löste geradezu einen Boom der Wolkenmalerei aus. Der britische „sky-painter“ John Constable etwa skizzierte die flüchtige Erscheinungsform der Wolken nach Methode, ergänzt um akkurate Beschreibungen. „Malerei sollte verstanden werden als eine Wissenschaft und sollte untersucht werden als eine Untersuchung der Gesetze der Natur“, lautete sein Credo. Seine wilden Wolkenstudien und auch William Turners Farbgedichte des Himmels bewahren trotzdem das Geheimnis des Unfassbaren.

Eine hübsche Beigabe sind da die meteorologischen Instrumente wie ein Haarhygrometer, mit dessen Hilfe um 1830 Feuchtigkeit gemessen werden konnte. Die „Wolkenbilder“-Schau fügt sich bestens in den jüngsten Ausstellungstrend, Kunst und Wissenschaft als Geschwister zu präsentieren. Vor zwei Jahren zeigte die Gemäldegalerie „Die kleine Eiszeit“, bei der Meteorologen Temperaturstürze in der niederländischen Landschaftsmalerei des 17. und 18. Jahrhunderts eruierten. Erst jüngst ging im Alten Museum die große Präraffaeliten-Schau zu Ende, in deren Zentrum ein Wissenschaftsraum die Nähe der Künstler zu den Naturforschungen jener Jahre darlegte.

Und trotzdem bedeuteten die Wolken für die Künstler vor allem eine Befreiung vom Regelwerk der Malerei. Erst in Italien wagten die Romantiker den unbeschränkten Blick nach oben: Carl Rottmann, Carl Blechen, Johan Christian Dahl schufen in den südlichen Gefilden die schönsten Himmelsburgen, fern aller Vorschriften durch die Akademie. Wie dicht die Künstler den Wolken waren, zeigen vor allem die querformatigen Ölskizzen Carl Blechens. In ihnen ist alles nur noch Licht, Luft, Farbe. Hier stößt er hundert Jahre vor den abstrakten Malern zur Ungegenständlichkeit vor. Eine kleine Offenbarung ist sein „Blau-violetter Wolkenstrich“ (um 1829). Mit ihm ist er gar nicht weit entfernt von Emil Noldes „Lichte Meerstimmung“ (1901), die nur noch Farbflächen zeigt und ebenfalls auf Naturstudien beruht.

Als letztes Werk gönnt sich die Berliner Schau eine Pointe: ein dramatisches Wolkenbild der zeitgenössischen Künstlerin Julie Monaco, das komplett auf Zahlencodes beruht und am Computer entstand. Eine bessere Empfehlung könnte es kaum geben, dem Ratschlag von Ilya Kabakov und Hans Magnus Enzensberger zu folgen und einfach selbst in den Himmel zu schauen.

Alte Nationalgalerie (Bodestr. 1-3), bis 30. Januar; Di-So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag) 24,80 Euro.

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