Kultur : Flieh, Vogel, flieh

CHRISTINA TILMANN

Vielleicht hatte der Vater sogar recht. Die sechzehnjährige Hülya ist gefährdet. Mehrere Selbstmordversuche liegen schon hinter ihr. Die triste Hamburger Vorortsiedlung, in der sie allein mit ihrem Vater lebt, ist sicher nicht der geeignete Ort gesund zu werden. Und vielleicht ist auch Deutschland mit allen Konflikten, die das Leben zwischen türkischer Tradition und westeuropäischer Toleranz mit sich bringt, tatsächlich nicht das richtige Land für ein labiles, gefährdetes Kind ohne Betreuung.Die Idee des Vaters, das Mädchen zur Erholung heimzuschicken in die Türkei, ist deshalb vielleicht gar nicht falsch. Sicher, schön ist es auch nicht in dem Barackendorf in Anatolien, wo Hülyas Onkel mit seiner Kleinfamilie lebt. Aber ruhig und sicher. Die Tante kocht, der Onkel beobachtet mit Besorgnis Hülyas Apathie, umsorgt und verwöhnt sie, achtet darauf, daß sie ihre Medikamente nimmt, daß sie ihre Ruhe bekommt, erlaubt ihr sogar zu rauchen - für türkische Frauen ein Tabu.Soweit also alles ganz nachvollziehbar in Yilmaz Arslans zweitem Spielfilm "Yara". Weil der Film beide Seiten zu Wort kommen läßt. Weil er differenziert zuhört auf Argumente, weil er versucht zu verstehen, statt sofort zu verurteilen. Mit der ersten Ohrfeige, die der Onkel Hülya wegen Ungehorsams und Aufsässigkeit verpaßt, ist jenes feine Verständnis allerdings dahin. Die sich nun anschließende Leidensgeschichte Hülyas, die sie auf der Flucht nach Deutschland in Krankheit, Polizeigewahrsam und schließlich in die Hölle der türkischen Psychiatrie führt, ist ein einziges, leidenschaftliches Plädoyer für Freiheit: Blind, hitzig, unvernünftig, wie solche Plädoyers nun sind.Da bräuchte es noch nicht einmal der kitschigen, überdeutlichen Traumbilder (Kamera: Jürgen Jürges), in denen sich Hülya in wallenden Gewändern im eisernen Käfig gefangen sieht. Schwarz-weiß wie die Ausleuchtung dieser Traumsequenzen ist auch der Film, wenn er lang und breit breit die unmenschlichen Verhältnisse im türkischen Irrenhaus nachzeichnet, die gegenseitige Quälerei, die Hilflosigkeit der Gefangenen. Allzu einseitig das, allzu alptraumhaft - wäre da nicht die Französin Yelda Reynaud als Hauptdarstellerin. Ihr trotzig verschlossenes Gesicht, die wirre Mähne, die plötzlich herausbrechende Aufsässigkeit und dann wieder die völlige Verlorenheit, mit der sie einfach losläuft, querfeldein, geben der Figur der Hülya ebenjene Spannung zwischen offensichtlicher Gestört- und schlichter Verstörtheit, die dem Film insgesamt gutgetan hätte.

Eiszeit (OmU)

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