Kultur : Fliehende Landschaften

Der Fall Potzlow: Andres Veiels’ „Der Kick“ am Berliner Gorki Theater

Rüdiger Schaper

Eine der albernstern Theaterszenen der letzten Jahre: Zum Ende seiner Botho-Strauß-Inszenierung „Die eine und die andere“ lässt Luc Bondy malerisch eine Horde prolliger uckermärkischer Camper aufmarschieren. Zwei, drei Minuten, und der Spuk ist vorbei. Da wird am Berliner Ensemble Zeitgeschichte veredelt und verschwiemelt. In seiner Hilflosigkeit gegenüber dem Realen zeigt sich das Theater gern hybrid.

Mit solchen Bildern im Kopf bezeugt man dem Regisseur und Autor Andres Veiel erst einmal Respekt. Auch er geht mit dem Drama „Der Kick“ vor die Tore Berlins, ins finster-schöne Brandenburger Land. Veiel und seine Co-Autorin Gesine Schmidt untersuchen den bestialischen Mordfall von Potzlow aus dem Sommer 2002. Drei betrunkene junge Männer foltern und töten in einem Schweinestall ihren Kumpel. Sie brauchten in jener Nacht ein Opfer. Den stotternden Marinus. Und so machten sie ihn zum Juden, zum Untermenschen.

Mit dem Namen Potzlow verbindet sich seither das unfassbare Grauen einer Tat, die man aufklären, aber nicht wirklich aufarbeiten kann. Respekt also für diesen Theaterversuch, weil Veiel und Schmidt alles Spektakulär-Spekulative vermeiden. Respekt für diesen knapp zweistündigen Abend, weil hier ohne Kunstmätzchen um Stille und Würde gerungen wird. „Der Kick“ ist eine Koproduktion des Theaters Basel und des Maxim Gorki Theaters. Am Sonnabend war die Uraufführung in der Schweiz, tags darauf die Berliner Premiere. Eine Gruppe aus Potzlow saß im Publikum. Viele haben geweint.

Der Spielort: eine Fabriketage in einem Gewerbehof in der Saarbrücker Straße, Prenzlauer Berg. Das Bühnenbild: keines. Nur eine alte Holzbank im Vordergrund und hinten eine beleuchtete Kabine, für die Szenen vor Gericht. Die Spieler: zwei für über zwanzig Personen, die mit Klarnamen angesagt werden. Ein peinigend strenger Aufbau. Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch, beide schlicht und schwarz gekleidet, erstatten Bericht. Distanziert, aber nicht kalt. Wrage und Lerch tragen eine Welt auf ihren Schultern. Eine kleine, hässliche, ärmliche, aber auch idyllische, abgelegene, unbekannte Welt. Unmerklich sinkt die Schauspielerin in sich zusammen, wenn sie Marcel nachspürt, seine Aussagen macht. Man sieht sie – und man sieht den Jungen, den man einen Mörder zu nennen nicht umhin kommt. Man sieht noch mehr: das stumme, alkoholische Umfeld, die womöglich aufhaltsame Dynamik der Gewalt in jener Sommernacht, die Angst vor seinem großen Bruder Marco, von dem Marcel die Nazi– Scheiße übernimmt. Wegsperren die Monster, für immer: Dem Impuls entzieht man sich schwer. Man will zuhören, begreifen, dass Marco und Marcel („Ich hatt’ eine schöne Kindheit“) nicht als Scheusale geboren wurden.

Eine Besinnung. Veiel, von Hause aus Dokumentarfilmer („Black Box BRD“, „Die Spielwütigen“), erzwingt Ernsthaftigkeit. Er greift auf eine Form zurück, die Peter Weiss einst konstruierte – das dokumentarische Theater. In der „Ermittlung“ von 1965 brachte Weiss den Frankfurter Auschwitzprozess auf die Bühne; damals ein Welttheaterereignis. Die Kunst nimmt sich darin extrem zurück, bringt Akten und Fakten zum Sprechen – die unerträgliche Banalität des Bösen. Es war das Fernsehen, das dem dokumentarischen Theater die Mittel wegnahm. Darauf folgte mit all seiner Fantasie das Regietheater, das nun auch in einer Phase der Erschöpfung steckt.

Veiels Schauspielerpaar holt – in ständigem Rollenwechsel – die Worte aus der Tiefe der Scham und des Schweigens. Auch dumpfer Trotz ist zu spüren. Susanne-Marie Wrage verfügt in diesem Spiel der moralischen Minimalisten über subtilere Darstellungsmittel als ihr Partner Markus Lerch. Ihr Einfühlungsvermögen wird manchmal auf gespenstische Weise unwiderstehlich. Sie hat die dunkelsten Passagen.

Die eindrucksvollsten Momente in „Der Kick“ sind aber jene, die nicht die Bluttat umkreisen, die vom Rand her tief hineinführen in die Geschichte der Landschaften, die Kanzler Kohl zum Blühen bringen wollte. Black Box DDR. Familiengeschichte. Der Großvater von Marco und Marcel musste nach dem Weltkrieg mit ansehen, wie seine Eltern von Rotarmisten ermordet wurden. Neuaufbau, und Enteignung durch die LPG. Der rührende Versuch des Vaters, seinem Sohn die Fascho-Glatze auszureden: So hätten früher nur Juden und KZ-Häftlinge ausgesehen, die Nazis hatten ordentliche Frisuren ...

Man hört die Litanei, wie es zu DDR-Zeiten besser war. Die Menschen hatten ihre Arbeit, am Wochenende wurde kräftig schwarz dazuverdient. Es gab Urlaubsreisen, es gab Kino, Kneipen, mehrere Läden im Dorf – und heute bekommt Marco als Strafgefangener vom Staat mehr Geld, als seinen verschuldeten Eltern zur Verfügung steht. Die Mutter des Getöteten wird vom Amt zum Wechsel in eine kleinere Wohnung aufgefordert, sie seien ja nun einer weniger.

Man schämt sich für sein Land. Für die dürren Trostworte, die Brandenburgs Ministerpräsident Marinus’ Mutter überbringt. Für das Gestammel des Pfarrers am Grab. Und noch ein Unbehagen stellt sich ein: Es kommt aus dem feierlichen Grundgestus des Doku-Theaters. Man hört die komponierten Stimmen, die eine große, demütige Stille formen. Kein Schrei. Wie auf dem Friedhof. Kein Körperkontakt. Schattenboxen. Wen trifft die Schuld? Trifft wen die Schuld?

Wieder am 30. April und 1. Mai

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