Kultur : Fliehender Autor

-

Bodo Mrozek über Martin Walser

und die RowohltKultur

Gerüchte sind wie der Wetterbericht. Man saugt sie begierig auf und weiß danach, dass es entweder so kommt oder auch ganz anders. Im Literaturbetrieb ist das Gerücht sozusagen das Salz in der Suppe. Chefkoch in der literarischen Gerüchteküche ist seit einiger Zeit Martin Walser. Bleibt er oder geht er? Und wenn ja, wohin?

Seit Freitag, 16.04 Uhr, steht die Antwort auf die zeitweilig ins Kraut geschossenen Spekulationen fest: Martin Walser verlässt den Suhrkamp Verlag und erscheint künftig bei – Rowohlt. Der Verlag machte es spannend. Der Autorenwechsel wurde bis zuletzt behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Erst am Nachmittag, als Wochenende (und Redaktionsschluss) sehr nahe gerückt waren, ließen die Reinbeker die Katze aus dem Sack.

Eine Überraschung? Ja und Nein. Dass sich der Schriftsteller im Hause Suhrkamp nicht mehr wohl fühlte, ist keine Neuigkeit. Walser selbst hatte vor Monaten die Spekulationen ausgelöst. „Ein Verleger sagt: Das ist mein Autor. Ein Autor sagt: Das ist mein Verleger. Mit solchen pseudobesitzanzeigenden Fürworten bezeichnen sie einander, und das sind die Wärme verbreitenden, angenehmen Lügen des Alltags“, sagte er im vergangenen Oktober dem Tagesspiegel.

Mit diesem Interview begannen die Spekulationen um den Weggang, der nun vollzogen ist. Nach dem Tode des greisen Verlegers Siegfried Unseld im Oktober 2002 übernahm bekanntlich dessen Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. Für sie – auch soviel ist bekannt – hegt Walser keine großen Sympathien. Dass Rowohlt das Rennen machen würde, war nicht eindeutig vorauszuahnen. Zeitweilig sah es eher so aus, als würde Walser dem früheren Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg zu Hoffmann & Campe nachfolgen. Der Abschied Walsers von Suhrkamp ist mehr als eine Branchennotiz. Die Frage nach ihrer Bedeutung kennt denn auch mehrere Antworten. Für Walser selbst dürfte sie gewissermaßen das postume Ende seiner Verbindung Walsers mit dem Verleger Unseld darstellen – einer Verbindung, die bis in die Tiefensedimente bundesdeutscher Literaturgeschichte hinein ragt.

Für Rowohlt, bisher die Heimat von Autoren wie Elfriede Jelinek oder F.C. Delius, ist der Zuwachs des arrivierten Autors eine Erfolgsmeldung. Rowohlt-Kapitän Alexander Fest könnte so den Erfolgskurs fortsetzen, den er mit amerikanischen Autoren wie Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides eingeschlagen hatte. Für die Verlagslandschaft ist der Wechsel eines seit 1955 in seinem Stammhaus verwurzelten Autors zweifellos ein weiterer Beleg für die fortschreitende Flexibilisierung, die auch durch die neuen Literaturagenten vorangetrieben wird. Für den Suhrkamp Verlag hingegen ist die Personalie ein Schlag – und ein weiteres Signal für das Ende jener viel beschworenen Suhrkampkultur, die sich im Nachhinein immer mehr als eine (Siegfried) Unseld-Kultur erweist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben