Kultur : Fliehkräfte am Werk

KATRIN BETTINA MÜLLER

Etwas schreit.Der dunkle Fleck mitten im "Portrait macabre" von Hans Richter ist der erste Orientierungspunkt.Vom aufgerissenen Mund aus sucht der Blick die Augen.Doch je länger man das Gesicht fixiert, um so heftiger entgleiten die bunten Kleckse, als ob sie sich weigerten, Form zu werden.

Nur fünf Jahre liegen zwischen einem ruhig gemalten und nachdenklich gestimmten Selbstporträt von Hans Richter (1912) und seinen 1917 entstanden "visionären Porträts".Gemalt in einem Zustand der Selbsthypnose, nimmt ihr unruhiges Flackern die Suche nach einer spontanen Spur der Erregung des Malaktes vorweg, wie sie erst Jahrzehnte später in der Malerei von Asger Jorn oder Jean Dubuffet zum Konzept wurde.In diesen Porträts zerreißt es die bezeichnenden Formen.Übrig bleibt eine unbestimmte Disharmonie, weit entfernt von den geordneten Strukturen in abstrakten Kompositionen der Zeit.Daß Hans Richter (1888-1976), den man vor allem als Dadaisten, Filmpionier und Konstruktivisten kennt, so ekstatisch expressiv gemalt hat, ist die Überraschung der Schau in der Galerie Berinson.Zeichnungen, Film-Stills und Gemälde werden zwischen 16 000 DM und 130 000 DM angeboten.

Bei den frühen Filmen ersetzen Rhythmus, Formanalogien und die Fortsetzung von Bewegungen die alte Semantik des Erzählens.In dem berühmten "Rhythm 21" aus dem Jahr 1921 sind es schwarzweiße Linien, Flächen und Punkte, die schrumpfen, wachsen, pulsieren, kreisen und verschoben werden.Doch verglichen mit der Choreographie der Dinge in den späteren Filmen "Vormittagsspuk" von 1927 oder "Twopence Magic" von 1930 scheinen die Abstraktionen eine bloße Fingerübung zur Erprobung der neuen Logik des Films gewesen zu sein.Transformationen des Realen bestimmen den Bilderwechsel: Ein Mond wird zu Glatze, ein Turmspringer zum Flieger, der Berührung im Kuß folgt die zweier Boxhandschuhe.Die Zeichen ähneln sich, doch der Kontext wechselt.Die Bedeutung der Dinge steht nicht mehr still.

Was die Filme des Dadaisten und die ekstatischen Malereien Richters verbindet, ist das unterirdische Wirken der Fliehkräfte, die den alten Zusammenhang zerfetzen.Der Motor, der das Karussell antreibt, bis sich im Schwindel Formen und Bedeutungen verselbständigen, resultiert aus dem tatsächlichen Verlust von Garantien und Gewißheiten.In dem kurzen Film "Inflation" (1930) kann der filmische Spuk den realen nicht mehr einholen: Mit dem Tempo, mit dem eben noch bestehende Werte dem Nichts entgegenstürzten, konnte selbst der schnellste Schnitt und die kaleidoskopische Zersplitterung des Bildes nicht mehr mithalten.

Galerie Berinson, Auguststraße 22, bis Ende Dezember; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 12-20 Uhr.

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