Kultur : Fließende Welt

Japanische Kunst zu Gast in Berlin

Jens Hinrichsen

Dramatische Faltenwürfe, tragische Helden, finstere Duellanten, lächerliche Bühnentölpel und feingliedrige Damen – allerdings spielten nur Männer Kabuki-Theater. Auch davon erzählen die japanischen Farbholzschnitte im Kunstforum der Volksbank Berlin – von der rigiden „Moral“ der Edo-Zeit (1603-1868), die nach der herrschenden Dynastie auch Tokugawa-Periode heißt. Und, paradox genug, von der Leichtigkeit des Seins in den „Bildern der fließenden Welt“, ukiyo-e genannt. Mit Fürst Tokugawa Ieyasu begann eine Zeit systematischer Abschottung Japans. Zugleich florierte der Binnenhandel, ließ das kulturhungrige Bürgertum die Städte erblühen und sorgte für eine Popularisierung der Kunst.

Farbholzschnitte von Utamaro, Masanobu, Sharaku, Hokusai, Hiroshige, darunter viel Ausgefallenes, Höchstseltenes: Was für eine Sammlung! Sie entstammt freilich nicht der Dahlemer Ostasien-Kollektion, sondern der Kunsthalle Bremen. Schon 1905 schrieb der Berliner Kunsthistoriker Friedrich Perzynski, das damalige Berliner Kunstgewerbe-Museum könne „nun nicht mehr mit Bremen konkurrieren“. Pikanterweise war Perzynski 1905 und 1906 als Einkäufer für die Bremer Kunsthalle in Japan unterwegs und brachte 440 Blätter und 45 illustrierte Bücher zurück. Mit dem Nachlass des Privatsammlers Johann Friedrich Lahmann kamen 1937 noch einmal 375 japanische Farbholzschnitte in den Besitz des Bremer Museums. Nun hat also Berlin die Ehre. Warum jetzt, nach 70 und 100 Jahren? Wulf Herzogenrath, Direktor der Bremer Kunsthalle, schwärmt von einer „Win-Win-Situation“. Denn das Bremer Gastspiel in Berlin mit rund hundert Exponaten kam durch die Katalogförderung der Stiftung der Berliner Volksbank zustande.

Zwei Bildserien zeigen die „53 Stationen des Tôkaidô“ – ein Bildtopos, der sich auf die wichtigste (Handels-)Straße der Edo-Zeit bezieht. Heute wird praktisch dieselbe Route von Kyoto nach Tokyo (damals: Edo) vom Schnellzug Shinkansen zurückgelegt. Vorbei am Fuji „spaziert“ man auch bei Katsushika Hokusai (1760-1849), dessen „Stationen“-Minaturen wenig bekannt sind und besondere Kostbarkeiten der Schau darstellen. Das opulentere und farbenreichere Pendant von Andô Hiroshige (1797-1858) wird nur in Auszügen gezeigt. Hinlänglich bekannt sind auch Hokusais „Welle“ und „Ansichten des Fuji“. Sie wurden weggelassen, denn die Kaufleute, Kurtisanen und Komödianten des ukiyo-e treten für den besonderen Genießer auf. Jens Hinrichsen

Kunstforum Berliner Volksbank, Budapester Straße 35, bis 25. Mai, Mo-So 10-18 Uhr. Katalog 28 Euro.

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