Kultur : Flirrender Stillstand

Der norwegische Fotograf Mikkel McAlinden stellt in Berlin aus

Michaela Nolte

Weil sie nämlich keine Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus und suchen einander Gulden abzunehmen. Arthur Schopenhauer sah im Kartenspiel den schlichten geistigen Bankrott. Wenn jedoch Mikkel McAlinden Freunde beim Pokern aufnimmt, so scheint er des Philosophen Grundsatz auf den Kopf zu stellen. Den lapidaren Zeitvertreib inszeniert McAlinden in seiner ersten Berliner Einzelausstellung als vierteiliges, ebenso kurioses wie komplexes „Endspiel: Ost, Süd, West & Nord". Durch das alltäglich anmutende Szenarium fliegen die Karten, die die Spielern zu beredten Transporteuren ihrer Gedanken werden lassen und gleichsam unsichtbare Fäden durch den Galerieraum ziehen, wo der Besucher zu allen Himmelsrichtungen von der surrealen Foto-Séance eingesponnen wird.

In der Überlagerung von realer Fiktion und trügerischer Realität entfalten die vierzehn Fotografien (zwischen 3200 und 19 000 Euro) ihre rätselhafte Wirkung. Das Sichtbare erscheint so undramatisch wie ein amerikanisches Roadmovie und zugleich so aufgeladen wie die Filme von David Cronenberg oder David Lynch. Dutzende von Detailaufnahmen verarbeitet der 1963 geborene Norweger zu großformatigen und dicht gewobenen Kürzestgeschichten, die in den Zwischenräumen eine geradezu kriminalistische Wirkung erzeugen. In „One hot day" gefriert die Hitze zu regloser Hochspannung, und das drei Meter breite Panorama entrückt Zeit und Raum zum flirrenden Stillstand. Obwohl der Geschwindigkeitsmesser 50 Stundenkilometer anzeigt, wirkt die Autofahrt durch eine malerische Landschaft gespenstisch reglos, und einzig das Nippes-Skelett am Rückspiegel vibriert unaufhörlich. Auf dem Feldweg flieht in der Ferne ein Hund, der sich bei genauem Betrachten als tote Fliege auf der Windschutzscheibe entpuppt. Die klassischen Perspektiven purzeln kaum merklich durcheinander und lösen hinterlistig das scheinbar Dokumentarische zu lustvollen Lügen der Fotografie auf. Denn die Realität ist bei McAlinden nur eine Option im Spiel der Fiktion, das der Betrachter in seiner eigenen Fantasie beherzt weiterspinnen kann.

Spielhaus Morrison Galerie, Reinhardtstr. 10; bis 21. Juni; Di.-Sa. 12-19 Uhr

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