Kultur : Flirt mit dem Hochofen

ULRICH DEUTER

Die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) ist zu Ende.Nach zehnjähriger Tätigkeit präsentiert sie in diesen Wochen ihre Ergebnisse: über hundert zu "Routen" formierte Projekte vom Wohnungsbau über den Handwerkerpark bis zur Landschaftsgestaltung, von Duisburg über Essen bis Kamen."Route der Industriekultur", "Route der Industrienatur", "Route der Architektur", "Route der Landmarkenkunst" - das lineare Prinzip trägt nicht nur dem Umstand Rechnung, daß diese IBA sich über 75 Kilometer und 17 Städte durchs nördliche Ruhrgebiet spannt.Sie ist mehr Weg als Ziel.

Verglichen mit anderen vor ihr - die letzte wirkte bis 1988 in Berlin - zeigt diese IBA wenig Neues, eher Altes anders.Und das auf teils dramatische Weise.Natürlich hat die IBA gebaut: etwa die Fortbildungsakademie Mont-Cenis in Herne, den Wissenschaftspark Rheinelbe in Gelsenkirchen, das Technologiezentrum Umweltschutz Oberhausen - ökologisch korrekte, freundlich-kristalline, mäßig urbane Gebäude.Auch 2000 neue Wohnungen entstanden, darunter der Küppersbuschpark in Gelsenkirchen - Versuche, jung und alt zusammenzubringen oder von Frauen für Frauen bauen zu lassen wie in Bergkamen.

Das wichtigste Werkzeug der IBA aber war das Sandstrahlgebläse.Die IBA hat Dutzende der Kolossalbauten der Montanindustrie vor dem Abriß bewahrt und zu neuem Leben erweckt - teils zu wirtschaftlichem, teils zu kulturellem.Das Faszinierende an dieser IBA ist nicht ihre Vision für die Zukunft, sondern der befreiende Blick zurück.Sie hat die Wiederkehr des Verdrängten besorgt.Das Verdrängte ist im Ruhrgebiet das Schöne.In dem Land an Emscher und Ruhr wurde seit der Mitte des letzten Jahrhunderts verwirklicht, wovor uns immer nur mit Blick auf die Zukunft graust: die rein funktionale Gesellschaft.

Das Naturschöne - vernichtet: Spätestes zur Jahrhundertwende gedieh im nördlichen Ruhrgebiet kein Obstbaum mehr.Das Kunstschöne - nicht vorhanden, nicht zugelassen: Aus jener Zeit, da Kunst als Zeitvertreib für die höheren Stände galt, resultiert der noch heute anhaltende Argwohn nicht nur der Sozialdemokratie im Revier gegenüber der Kunst.Das Ruhrgebiet ist nicht schön, wollte es nie sein.Durch den ungeheuren Zuzug von Menschen - zwischen 1870 und 1900 mehr als anderthalb Millionen - aber war eine Ansammlung von Ackerbürgergemeinden auf den Weg zur Stadt und damit zu ganz anderen Horizonten gestoßen worden, ohne zu wissen, was tun.Man reagierte mit Fahrigkeit.So ist die fürs Ruhrgebiet typische Bebauung das Agglomerat.Selbst auf Hauptstraßen sind eine geschlossene Front und einheitliche Traufhöhe selten.Bis heute ist das Ruhrgebiet in der Stadt nicht angekommen.Keine seiner Kommunen besitzt ein Zentrum im urbanen Sinn.Der letzte Versuch, Identität zu stiften, war der Plan, einen "Broadway an der Ruhr" anzulegen; zwei von drei Musicals sind nach nicht einmal drei Jahren bankrott.

Die IBA ist keine solche Spaßattraktion.Sie gleicht eher dem Weisen, der auf dem Markt mit der Laterne umhergeht, um zu zeigen, was längst da ist.Überrascht von der Erfahrung, daß Maschinen und Industrieanlagen, sobald sie aus ihrer Funktion fallen, nicht abstoßend wirken, sondern geheimnisvoll, wie aus einem Alptraum erwacht, hat die IBA ihr Augenmerk auf diese Riesen gerichtet.Sie hat die in Geschichtswerkstätten und unter linken Denkmalschützern kursierende Idee, Zechengebäude wie "Zollverein" in Essen, Gußstahlfabriken wie die "Jahrhunderthalle" in Bochum, Gaslager wie den "Gasometer" in Oberhausen, Schlössern und Domen gleich zu bewahren, aufgegriffen und salonfähig gemacht.

Welche Schätze da geborgen wurden, ist am besten in Duisburg-Meiderich zu erleben, wo drei Hochöfen einer Eisenhütte, 14 Jahre nach dem letzten Abstich, erhalten sind.Wer sich ihnen durch den IBA-"Landschaftspark" nähert, zu ihren Füßen herumstapft oder ihre mächtigen Körper bis in 70 Meter Höhe erklettert, der erfährt nicht etwa eine Lektion in Hüttenkunde, eher eine philosophische in Kant und Lyotard.Denn er erlebt, was aus unserer wohltemperierten Kultur verschwunden zu sein schien: das Erhabene bestehend aus einem Gebirge aus schwerfällig sich krümmenden Riesenrohren und bauchigen Rümpfen - eine Megamaschine in erstarrter Bewegung.

Die Dimension dieser Kolosse ist nicht erfaßbar.Sie mahnen, aber an was? Plötzlich erinnert man sich, wie in dem Film "2001" die Kamera eingangsuchend über den unermeßlichen Körper des Raumschiffes glitt; drumherum das Nichts.In diesem erahnten Nichts - ein paar Kilometer nordostwärts steht man mitten in ihm.Weil "Europas höchster Gasometer" in Oberhausen im Prinzip nur eine Tonne ist (dies jedoch 117 Meter hoch und 68 Meter im Durchmesser), blickt man von oben hinunter, von unten hinauf in einen schieren, stürzenden, saugenden Raum.Der schwindelerregende Eindruck wird gern mit dem in Kathedralen gleichgesetzt, doch deren räumliche Gliederung führt und hebt den Blick.Hier, ohne Anhaltspunkte, wird er abgerissen und fällt.Repräsentierte Begrifflosigkeit - auch der Gasometer ist eine praktische Demonstration dessen, was in der "Kritik der Urteilskraft" über das Erhabene steht.Oberhausens Kant-Kathedrale ist eine seltsame Kulturhalle geworden.Hier wurden Ausstellungen gezeigt, wurde Theater gespielt.Nichts konnte den Raum auch nur streifen.Ob die Installation "The Wall", die Christo & Jeanne-Claude hier aus Tausenden von Ölfässern 26 Meter hoch aufschichten, den Raum berühren wird, wird man sehen.Die Ausstellung beginnt am 1.Mai.

Die Ruhr-Dornröschen, die die IBA mit ihrem Fünfmilliardenkuß erweckt hat, sind nun Publikumsattraktionen.An manchen Tagen finden die Reisebusse, die die Essener Zeche Zollverein Zwölf ansteuern, keinen Parkplatz mehr.Das erfreuliche Interesse macht auch angst.Seit ihren Anfängen hat die erweiterte Fabrik Ruhrgebiet immer große Stadt sein wollen - und reagierte hysterisch, wenn andere das nicht genauso sahen.Seit Kohle und Stahl fort sind, lernt es zaghaft zu sein, was es ist.Nun soll es, von einer Tourismusagentur getrieben, schon wieder etwas Neues sein: eine postindustrielle Reiseattraktion.In Köln oder Straßburg aber liebt man seinen Dom als Wahrzeichen und nicht, weil er Urlauber bringt.Das ist der Unterschied.

Die roten Ziegelquader der Zeche Zollverein, 1928-32 errichtet, sind in ihrer strengen Harmonie Bauhaus-Architektur.Gerade darum folgen sie nicht nur der Funktion, sondern sind auch Ausdruck eines Beherrschungswillens.Folgt man der Achse vom gewaltigen Förderturm zum alten Kesselhaus, das Norman Foster zum Designzentrum NRW umgebaut hat, geht man wie auf das Abtshaus eines fremdartigen Klosters zu.Im Zollverein sind die ungeheuren sozialen Disziplinierungsbemühungen der Moderne Architektur geworden.Um den Zollverein herum schläft und träumt, was sich sämtlichem Zweckdenken entzogen hat: "Restflächen" - der Name sagt alles.Etwa 100 von insgesamt 10 000 Hektar solchen Brachlandes führt die IBA vorsichtig in urbanes Bewußtsein zurück.Halb verwildert, halb gehegt, oft mit Kunst durchsetzt, stellen sie eine neue Art Parklandschaft dar.In ihrem "archäologischen" Boden ruhen Betonfundamente, Werkzeuge - verlassene Arbeit.Wenn abseits der berühmten Zollverein-Kuben in einer Schottersenke eine Großskulptur von Ulrich Rückriem schläft, dann stellt sich die Empfindung ein, es liege die Geschichte der Industrie, überhaupt der Menschheit Jahrhunderte zurück.

In bester Absicht hat die IBA vielleicht einen Fehler begangen.Die riesigen Zechen- und Hüttengelände waren closed areas, ebenso die Halden, Millionen Tonnen mächtige Abraum- und Schlackeberge, ewige Zeugnisse technologistischer Brutalität.Die IBA hat einige begrünt und zu "Landmarken" erhoben: Auf eine Bottroper Aufhäufung wurde ein 50 Meter hohes, besteigbares Tetraeder-Gerüst gesetzt; eine Halde in Gelsenkirchen mit einer Doppelpyramide aus Hüttenschlacke nebst zwei Lichtkanonen getoppt; ein Industrieberg in Essen-Nord durch eine Stahlplastik von Richard Serra zum Kunstberg geadelt.Nun wirft man erstmals einen Blick von oben aufs nördliche Revier, die Emscherregion.Der Wind, der hier keine Berge gewohnt ist, wütet über ein nacktes, schwarzes Plateau.Serras "Bramme", eine 15 Meter hoch aufragende, minimal geneigte Platte aus rostbraunem Stahl, ist der einzige Schutz.Doch das tonnenschwere Werk kann nicht bestehen.Der Blick zeigt Dutzende ähnlicher Gebilde, höhere, massigere: Schornsteine, Fabrikhallen, Kühltürme.Die IBA ist das Pfeifen im Wald.Der Wald, das ist 150 Jahre Industriegeschichte.

Die IBA endet, und mit ihr das Lächeln, das sie dem alten Ruhrgebiet entlockt hat.Zwar werden ihre Projekt in die Hände anderer Verwaltungen übergehen.Aber ein "urbaner Magier" (Ulrich Beck) wie IBA-Chef Karl Ganser ist im Ruhrgebiet nicht in Sicht.Es wird in die absurde Konkurrenz der siamesischen Geschwister "Wahnstadt", "Eitelfeld", "Kohlstadt" (Erik Reger über Essen, Duisburg, Bochum) zurückfallen.Zu fürchten ist, daß der Impuls der IBA ähnlich verebben wird, wie schon jetzt im Bottroper Gewerbepark "Arenberg Fortsetzung" zu sehen, wo ein liebevoll restauriertes Zechengebäude aus der seltsamen Epoche der Industrieromanik umstellt ist von einem Pulk jüngst hingehauener Nutzbauten.Schönheit im Revier ist nur ein Augenaufschlag.

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